Raus aufs Land?

  • Beruf & Karriere
  • 11.01.2019

In vielen Regionen gibt es schon heute zu wenige Hausärzte. Womit kann man junge Mediziner aufs Land locken – und was schreckt sie ab? Vier Studierende bekennen Farbe.

Foto: privat

Verena Berndtke (24) wohnt in der 2.600-Seelen-Gemeinde Pastetten in Bayern und pendelt zur TU München, wo sie im 9. Semester Medizin studiert.

„Ein Leben in der Stadt kann ich mir nicht vorstellen – und meinem Mann geht es genauso. Als Elektromeister hat er seine Kunden in den Nachbarorten. Ich möchte nach dem Studium in einem Kreiskrankenhaus eine Assistenzstelle antreten, wahrscheinlich in der Inneren Medizin; später kann ich mich dann immer noch auf Allgemeinmedizin spezialisieren. Langfristig würde ich gern in einer Landarztpraxis arbeiten. Auch, weil ich dann flexibler bin, wenn ich Familie habe.

Allerdings will ich meine Praxis nicht allein gründen. Wie hart das ist, habe ich bei meiner Pflichtfamulatur bei einer Hausärztin hier im Ort erlebt: Sie kommt im Quartal auf etwa 1.500 Patienten, was Wahnsinn ist. Ich weiß, dass man als Landärztin Leben und Beruf nicht trennen kann. Wenn man einkaufen geht, ist man immer die Frau Doktor. Mir wäre es aber lieber, die Verantwortung in einer Gemeinschaftspraxis zu teilen. Der absolute Traum wäre, eine eigene Praxis aufzubauen, um alles meinen Vorstellungen entsprechend gestalten zu können. Unter anderem möchte ich Schmerz- und Palliativmedizin anbieten.“
 

Mehr Landlust bei jungen Gründern

Youngster wollen am liebsten in der Großstadt leben? Auf Praxisgründer scheint das nicht unbedingt zuzutreffen: Mediziner unter 35 Jahren lassen sich sogar eher in ländlichen Regionen als Hausärzte nieder als ältere Kollegen. Das geht aus einer Studie der apoBank hervor, an der 800 Existenzgründer teilnahmen. Dennoch gibt es außerhalb der Ballungsräume nicht genügend Nachfolger für bestehende Hausarztpraxen.
 

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Lisa Schmitz (24) ist im achten Semester an der Medizinischen Fakultät am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

„Ich kann mir unter den heutigen Bedingungen nicht vorstellen, aufs Land zu gehen. Mir sind Forschung und Lehre wichtig, und das ist in einer Praxis nur begrenzt möglich. Als niedergelassener Arzt kann man sich zwar an Studien beteiligen, aber schwer experimentell arbeiten. Wissen vermittelt man maximal an PJ-ler, Famulierende und Weiterbildungs-Assistenten. Nach dem Studium schwebt mir eher der Einstieg an einer großen Klinik vor, zum Beispiel an einer Uniklinik. Dort ist das Spektrum der Krankheiten groß, es gibt Hochschullehre und Forschungsprojekte. Das Fach HNO könnte ich mir gut vorstellen, aber mal sehen, was das Studium noch bringt.

Selbst wenn ich allgemeinärztlich arbeiten würde: Am Landarztdasein schreckt mich die hohe Belastung in einer Einzelpraxis ab. Man hat Verantwortung für so viele Patienten, so viel Bürokratie und kaum kollegialen Austausch. Dazu kommt das hohe finanzielle Risiko, weil das Vergütungssystem den realen Aufwand nicht honoriert. Ich habe bei meiner hausärztlichen Famulatur in einer Kleinstadt selbst erlebt, wie herausfordernd der Alltag dort ist. Eine Einzelpraxis zu führen, bedeutet ein sehr hohes zeitliches Investment. Das ist kein Konzept für die Zukunft.“
 

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Damian Kutzim (33) studiert im zwölften Semester an der Universität Würzburg.

„Früher wollte ich unbedingt Chirurg werden. Die Arbeit im OP macht mir auch Spaß, aber auf lange Sicht sagt mir die Work-Life-Balance in der Klinik nicht zu. Auch der Kontakt zu den Patienten ist eher oberflächlich. Deshalb spiele ich mit dem Gedanken, den allgemeinmedizinischen Weg einzuschlagen, so dass ich später auch gut außerhalb der Stadt arbeiten kann. Ich möchte in einer ruhigeren Umgebung leben. Die Natur ist für mich ein wichtiger Rückzugsort: Seit meiner Jugend gehe ich gerne zum Jagen aufs Land.

Als Famulant in einer Hausarztpraxis im Sauerland habe ich gute Erfahrungen gemacht. Dort arbeiten mehrere Ärzte zusammen und teilen sich die Aufgaben. Die Bindung zu den Patienten ist enger, man kennt oft die ganze Familie. Als Hausarzt sieht man ein weites fachliches Spektrum und kann sehr viel selbst machen. Mit allgemeinchirurgischer Erfahrung könnte ich zum Beispiel kleine Tumoren operieren. Offen ist noch, wie meine Partnerin und ich das später organisieren, weil sie vermutlich nur in der Stadt einen Job finden wird. Mindestens einer von uns wird wohl pendeln müssen.“
 

Neues Arbeiten zwischen Wald und Wiese?

Das Berufsbild des Landarztes wandelt sich allmählich. Fachärzte gründen Gemeinschaftspraxen oder schließen sich Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) an, nutzen eine gemeinsame Infrastruktur, teilen sich Verwaltung und Dienste. An solchen größeren Einrichtungen finden junge Ärzte, die sich nicht niederlassen möchten, oft auch eine Anstellung. Solche Modelle reichen aus Sicht der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (BVMD) aber nicht aus: „Das Landleben müsste grundsätzlich attraktiver werden, zum Beispiel durch Investitionen in die digitale Infrastruktur und in den Nahverkehr“, sagt Julian Beier, Bundeskoordinator für Gesundheitspolitik. „Ärzte sollten außerdem die Möglichkeit haben, zum Beispiel im Rahmen eines Rotationsmodells nur einen Teil ihrer Arbeitszeit in ländlichen Regionen zu verbringen, so dass sie flexibel einer Tätigkeit als Stadt- oder Landarzt nachgehen können.“
 

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Rebekka Grosser (24), im 9. Semester an der TU München, hat sich als Stipendiatin der Bayerischen Landesregierung verpflichtet, ihre Facharztausbildung und fünf weitere Berufsjahre im ländlichen Raum zu absolvieren.

„Nach dem Studium möchte ich nicht an einer großen Klinik arbeiten. Bei meiner Famulatur an einer Münchener Uniklinik habe ich erlebt, wie hoch die Belastung für die Ärzte dort ist, auch weil Forschung und Lehre noch dazukommen. Als ich in einer Hausarztpraxis in Niederbayern famuliert habe, war das ganz was anderes. Wenn man zu den Patienten nach Hause kommt, warten die oft schon und haben den Kaffeetisch gedeckt. Eine Patientin sagte zu mir: ‚Was wollen Sie denn in München, wir brauchen Sie doch hier!‘ Vor etwa einem Jahr habe ich mich entschieden und mich um das Landarztstipendium beworben.

Ich bin selbst im Raum Landshut in einem Dorf mit 24 Einwohnern groß geworden. Die Kindheit dort war idyllisch: Wir hatten Pferde, sind auf Apfelbäume geklettert und konnten von früh bis spät draußen sein. Ich möchte gerne wieder zurück in die Gegend, an eine kleinere Klinik oder später in eine eigene Praxis. Am besten in eine etwas größere Gemeinde, wo auch etwas los ist und man zum nächsten Kino keine Stunde braucht. Im tiefsten Bayerischen Wald würde ich nicht gern leben.“
 

Du willst noch mehr darüber wissen, wie das Leben als Landarzt sich anfühlt? In Richard, dem Kundenmagazin der apoBank, erzählen Mediziner, warum die Arbeit fernab der Großstadt sie glücklich macht: Ein Sauerländer Hausarzt berichtet über seine Gemeinschaftspraxis mit sechs Kollegen, eine Internistin über ihre Teilzeit-Anstellung in einem MVZ auf dem Dorf.

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