Glücklich in Ihlow

Ihlow in Ostfriesland
  • Beruf & Karriere
  • 23.01.2018

Man muss eine ganze Weile durch Ostfriesland fahren, Richtung Riepe und Haxtum, bevor man in Franziska Fenderls Hausarztpraxis landet. Hier im Dörfchen Ihlow unweit von Aurich lässt sich ein Lebensentwurf besichtigen, der lässig alle Klischees über das Landarzt-Dasein widerlegt: Eine Hausärztinnen-Praxis mit alter und neuer Chefin. Was sie verbindet? Der Beruf natürlich, ihre jeweils drei Kinder und - offene Worte über Geld.

Drei ist Ostfriesenrecht

Die 38-jährige Franziska Fenderl hat die Praxis zum Januar 2017 übernommen und ihre um 30 Jahre ältere Vorgängerin Barbara Janssen mit 21,5 Wochenstunden angestellt. Ihre Praxis liegt in einem Klinkerbau, den Janssen vor über 30 Jahren angemietet hat. Knapp 85 Quadratmeter umfassen die Räume, hinter dem Tresen ist gerade mal Platz für eine einzige medizinische Fachangestellte. Im Wartezimmer mit neun Stühlen hängen Kinderzeichnungen und Dorfnachrichten: „Weihnachtsmarkt in Hüllenerfehn“ und „Krippenspiel in Westerende“. Franziska Fenderl ist hoch schwanger mit dem dritten Kind. „Drei ist eben Ostfriesenrecht“, lacht sie. Auf der Untersuchungsliege ihres Sprechzimmers kuscheln denn auch Kuscheltiere, wohl eine Beruhigungsmaßnahme für die ganz kleinen Patienten.

Franziska Fenderl ist zufrieden als Landärztin in Ihlow

 

Begonnen hat alles damit, dass Fenderl 2014 als Weiterbildungsassistentin in die Hausarztpraxis eingestiegen ist. Trotz 30 Jahren Altersunterschieds haben die beiden Ärztinnen viel gemeinsam. Dank ihrer Kinder wissen beide um die Anforderungen, die eine Familie an eine berufstätige Mutter und Ärztin stellt. Beide sind vor den familienfeindlichen Arbeitszeiten im Krankenhaus geflohen. Und beide bestehen darauf, ihr „eigenes Ding“ zu machen: die eigene Praxis. „Ich berate im Hausärzteverband Ärztinnen nach der Kinderpause“, berichtet Fenderls Kollegin Barbara Janssen. „Und kann allen Kolleginnen nur raten: Geht in euren eigenen Laden! Für mich war die Praxis die drittbeste Entscheidung meines Lebens nach der für meinen Mann und die Kinder."

Die Scheinzahl ausbauen

Bei ihren Verhandlungen haben Fenderl und ihre Vorgängerin sofort die Bücher auf den Tisch gelegt und die Bilanzen. Diese Offenheit sei zwar nicht üblich, habe sich aber bewährt. „Wir haben beide von Anfang an vollkommen offen und ehrlich gesprochen. Über die Arbeitsbelastung, über den Umsatz, die Bilanzen, die betriebswirtschaftliche Rechnung“, sagt Fenderl. So ist klar, dass Fenderl über kurz oder lang ihre Scheinzahl ausbauen muss. In Niedersachsen liegt der Durchschnitt pro Hausarztsitz bei 985 Scheinen. Ab 1250 Scheinen pro Sitz wird der Gewinn abgestaffelt. Da Barbara Janssen einen halben Sitz mitbringt, können die beiden zu den 985 noch einmal knapp 500 zusätzlich verkraften, ohne abgestaffelt zu werden.

Die neue Chefin ist sich sicher, richtig entschieden zu haben: „Die Eigenverantwortung und die Selbstständigkeit sind für mich die ganz großen Zufriedenheitsfaktoren im Leben“, so Fenderl. Viele Kolleginnen und Kollegen, vor allem aus den Krankenhäusern, haben ihrer Meinung nach indessen immer noch Vorurteile gegenüber der Hausarztmedizin. „Einige Mythen halten sich zäh: ständige Verfügbarkeit, dauernde Wochenenddienste, wenig Geld und abends beim Pferd des Nachbarn den Huf einrenken. Aber das sind Geschichten aus den 1950´er Jahren.“

50 Wochenenden für die Familie

Auch das Lamento, Hausärzte verdienten nicht genug, ist Fenderl unverständlich. Niedersächsische Hausärzte erwirtschaften im Schnitt 144.000 Euro im Jahr – nach Kosten, vor Steuern, sagt Fenderl. „Tatsächlich haben wir hier ein gutes Facharztnetz, eine funktionierende hausarztzentrierte Versorgung und gute Kooperationen sowohl untereinander als auch mit den Pflegeheimen.“ An 50 von 52 Wochenenden im Jahr kann die junge Ärztin sich ihrer Familie widmen und hat dabei, wie sie selbst sagt, „einen sehr zufriedenstellenden Verdienst.“

Allerdings weiß auch Franziska Fenderl, dass für sie noch arbeitsreichere Tage anfallen werden. Denn viele der Kolleginnen und Kollegen in den Hausarztpraxen rundherum sind eigentlich schon längst über die Pensionsgrenze. „Sie machen nur weiter, weil sie ihre Patienten nicht im Regen stehen lassen wollen“. Und dann, wenn ein Kollege seine Praxis schließt, können bei uns plötzlich viele neue Patienten vor der Tür stehen“, sagt Fenderl. Praxis umbauen oder mit ihrem Team umziehen - für eine dieser beiden Optionen wird Fenderl sich dann entscheiden müssen. 

 


Randbemerkung


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