Kriegst du die Krise?

  • Beruf & Karriere
  • 23.11.2018

Annika Hughes, niedergelassene Psychotherapeutin in München, kennt die Herausforderungen, die ein Heilberufler-Leben mit sich bringt. Sie hat selbst mehrere Jahre in der Klinik gearbeitet und berät heute als Selbstständige unter anderem Mediziner dazu, wie sie trotz Zeitdrucks und belastender Patientenschicksale in Balance bleiben.

Frau Hughes, was stresst junge Heilberufler Ihrer Erfahrung nach?

Im Krankenhaus zum Beispiel das Gefühl, komplett fremdbestimmt zu sein – Ärzte oder etwa Krankenschwestern können sich kaum zurückziehen oder die Tagesstruktur den eigenen Bedürfnissen anpassen. Dazu kommt die explosionsartige Vermehrung des Fachwissens – wer da immer auf dem neuesten Stand bleiben will, überfordert sich leicht. Dann das Thema Verantwortung und Belastungsgrenzen: Wie gehe ich damit um, wenn ich mangels ausreichend Kollegen oder im Nachtdienst alles alleine stemmen muss, inklusive Verwaltungsarbeit? Eine befreundete Ärztin zum Beispiel erzählt immer wieder, dass sie sich kaum traut, mit Fieber zuhause zu bleiben – sie würde ein zu großes Loch in den Dienstplan reißen.

Und was raten Sie den Leuten bei solchen Problemen?

Oft geht es im ersten Schritt darum, gedanklich den eigenen Spielraum zu ergründen: Worauf habe ich tatsächlich Einfluss, was kann ich aber nicht ändern? Manchmal reichen schon kleine Schritte, um sich ein bisschen Luft zu verschaffen. Auf Faktoren wie zum Beispiel einen schwierigen Vorgesetzten habe ich aber weniger Einfluss. Dann kann ich überlegen, wie ich meinen Umgang mit ihm verändere. In der Therapie oder im Coaching erarbeite ich mit Klienten etwa hilfreiche Gedanken, so genannte Selbstinstruktionen: „Ich atme jetzt erstmal ruhig durch – und vertrete freundlich und bestimmt meine Meinung.“

Ein Satz wie dieser kann dabei unterstützen, in kritischen Situationen Ruhe zu bewahren und Distanz zu schaffen. Bewährt haben sich außerdem Rollenspiele, in denen wir zum Beispiel ein selbstbewussteres Auftreten üben. Wichtig ist aber auch zu prüfen, wo man es sich mit einem überhöhten Leistungsanspruch vielleicht selbst schwer macht. Und dann im Sinne eines Verhaltensexperiments schauen: Wo kann ich meinen eigenen Anspruch mal um zehn Prozent herunterschrauben, was passiert dann eigentlich?
 

Vorgesetzte gerade in medizinischen Berufen haben eine Vorbildfunktion, meint Psychotherapeutin Annika Hughes.

 

Das hilft wahrscheinlich nicht mehr, wenn jemand schon kurz vorm Nervenzusammenbruch steht…

Klar. Ich kann natürlich nur dazu raten, sich frühzeitig professionelle Hilfe zu suchen, um das zu vermeiden. Gerade Mediziner verlangen meiner Erfahrung nach oft von sich, alles alleine hinzubekommen, viele glauben, funktionieren zu müssen. Da wird dann vielleicht die Prüfungsangst mit Betablockern bekämpft, Beratungsstellen sind toll, aber nur für die anderen. Umso wichtiger ist es, sich als Therapeut auf Sprache und Denkweise des Gegenübers einzulassen: Ärzte sind naturgemäß viel mit der Biologie des Körpers beschäftigt. Wenn ich mit ihnen darüber spreche, wie Sympathikus und Parasympathikus mit der Psyche zusammenhängen, bringt das oft mehr als die Erläuterung einer psychologischen Theorie.

Sind Mediziner und Medizinstudenten denn besonders häufig von psychischen Problemen betroffen?

Laut internationalen Studien leider ja. Die Rate der Depressionen unter angehenden Medizinern ist im Vergleich zu anderen erhöht. Und oftmals gehen Depressionen mit Suizidgedanken einher, das ist einfach ein Teil dieser Erkrankung. Leider gibt es in unserer Gesellschaft viele falsche Vorstellungen und Mythen, was Suizidalität angeht. Häufig befürchten Angehörige oder Freunde etwa, dass die Frage nach Selbstmordgedanken den Betroffenen erst auf diese Idee bringen könnte. Genau das Gegenteil ist der Fall. Viele fühlen sich entlastet, wenn sie sich endlich jemandem anvertrauen können, erst so entsteht eine Basis für Hilfe.

Wie könnte man gegensteuern?

Es gibt den so genannten Papageno-Effekt, der gut belegt ist: Wer erzählt, wie es ihm gelungen ist, sich aus einer schweren Krise zu befreien, hilft anderen, die noch mittendrin stecken. Also das genaue Gegenteil des berühmten Werther-Effekts. Glaubwürdige Geschichten über überstandene Problemphasen wirken suizidpräventiv. Wir sollten also endlich aufräumen mit dem Mythos der Unverwundbarkeit: Jeder kann in schlimme Krisen geraten, mit der entsprechenden Hilfe kommt man aber auch wieder heraus. Gerade die Vorgesetzten in medizinischen Berufen haben da meines Erachtens eine Vorbildfunktion. Sie sollten vorleben, dass es keine Schande ist, sich und anderen mal eine Schwäche einzugestehen.

Wie sollten Freunde oder Kommilitonen reagieren, wenn sie merken, dass jemand in einem tiefen Loch festhängt?

Unbedingt ernstnehmen und die Probleme, die jemand anspricht, nicht bagatellisieren. Am besten ermuntert man den oder diejenige dazu, sich Hilfe von Profis zu suchen und bietet an, dabei zu unterstützen. Hilfe gibt es, wenn gewünscht, auch erstmal anonym. Manchmal ist der Hausarzt des Vertrauens eine gute erste Anlaufstelle. An den Hochschulen gibt es oft den Psychologischen Dienst - oder man wendet sich direkt an einen Psychotherapeuten oder Psychiater.

 

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