Amjad will es schaffen

  • Studium & Lernen
  • 03.08.2018

Er ist einer der rund 890.000 Menschen, die im Jahr 2015 Asyl in Deutschland suchten. Amjad Sawas aus Syrien studiert heute Pharmazie in Marburg. Für seinen Platz an der Uni hat er wie ein Besessener Deutsch gelernt.

Von der türkischen Küste im Boot übers Meer nach Griechenland, mit der Bahn und zu Fuß über den Balkan, Ungarn, Österreich – so schlug sich Amjad Sawas Anfang September 2015 durch bis nach Deutschland, ähnlich wie viele andere Syrer. Wie lange die Reise dauerte, kann er nicht mehr sagen, wohl aber, dass sie lebensgefährlich war. Sawas und seine Familie flohen nach und nach aus Aleppo, als der Konflikt dort immer weiter eskalierte. Allerdings war Amjad der Einzige von ihnen, der nach Europa ging. Seine Eltern und sein Bruder leben heute bei Verwandten in Ägypten. Warum er diese einsame Flucht auf sich genommen hat? „Durch den Krieg musste ich mein Pharmaziestudium nach zwei Semestern abbrechen und wollte in ein Land, wo ich eine gute Perspektive habe“, erklärt Amjad.

Die deutschen Behörden entschieden, ihn in Rostock unterzubringen. Zwei Monate lebte Amjad in einer Notunterkunft, teilte sich das Zimmer zeitweise mit neun anderen Geflüchteten. Möglichst schnell wollte er dort heraus und einen Weg finden, um seine Ausbildung fortzusetzen. Und dann hing eines Tages dieser Zettel aus, der ihm wie eine glückliche Fügung erschien: Eine Initiative der Universität Rostock lud Geflüchtete ein, sich über ein Studium in Deutschland zu informieren. Amjad war einer der Ersten, die sich dort vorstellten. Für ihn begann damit eine neue, irre Lebensphase voller Hoffnung und voller Stress, geprägt von Papierkram, Behördengängen und dem Erlernen einer Sprache, von der er anfangs kein Wort verstand. Die Uni-Initiative und weitere Freiwillige halfen ihm, das Zugangsverfahren zu überblicken, Sprachkurse zu finden und Bewerbungen zu schreiben.
 

Professorin Thusnelda Tivig (1. Reihe, grauer Rock) mit Teilnehmern des Integrationsprojekts an der Uni Rostock, darunter Amjad Sawas.
 

Jobcenter vermittelt Arbeit, kein Studium

Für Nicht-EU-Ausländer sind die Hürden hoch, in Deutschland ein Studium aufzunehmen. „Nur fünf Prozent der Studienplätze stehen ihnen offen. In der Humanmedizin sind das an unserer Hochschule zum Beispiel nur elf Plätze pro Jahr“, erklärt Thusnelda Tivig, Professorin am Institut für Volkswirtschaftslehre und Initiatorin des Rostocker Hilfsprojekts. „Das Angebot ist zu klein, wenn man betrachtet, wie viele begabte Menschen in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind. Sie sind ein Geschenk für dieses Land und sollten bessere Chancen bekommen, sich zu qualifizieren.“

Auch die Behörden machen es den Asylbewerbern ihrer Meinung nach eher schwer als leicht. Für den Unterhalt und die Beschäftigung von Flüchtlingen ist das Jobcenter zuständig. Nach Tivigs Erfahrung würde das Amt Geflüchtete am liebsten in einfache Tätigkeiten vermitteln, selbst Einser-Abiturienten wie Amjad. Zeit für Deutschkurse und Uni-Bewerbungen gewähre die Behörde nur ungern. „Wir verwenden sehr viel Energie auf diese Konflikte mit dem Jobcenter“, beklagt die Professorin.
 

Stipendien für Deutschkurse

Das Akademische Integrationsprojekt an der Universität Rostock besteht seit Herbst 2015. Es unterstützt Flüchtlinge, die ein Studium in Deutschland aufnehmen möchten. Die größte Hürde für Kandidaten aus Nicht-EU-Staaten sind die Sprachkenntnisse. Das Integrationsprojekt begleitet die Bewerber auf ihrem Weg ins Studium und hilft ihnen, Plätze in den begehrten Sprach-Intensivkursen zu finden. Rund 20 Teilnehmer studieren inzwischen medizinische Fächer. Zu den finanziellen Förderern der Initiative zählt die apoBank Stiftung.
 

Vom Staatsexamen hängt alles ab

Amjad Sawas erkämpfte sich seinen Studienplatz mit viel Disziplin. Er belegte einen Sprachkurs in Rostock, paukte von früh bis spät, las deutsche Zeitschriften und lokales Radio, sah sich Filme auf Deutsch an. Nach sieben Monaten bestand er die Sprachprüfung für den Hochschulzugang auf Anhieb. Der Musterschüler bewarb sich an zehn Unis und erhielt eine einzige Zusage – aus Marburg. Hier studiert der heute 21-Jährige inzwischen im vierten Semester. Er musste wieder bei null anfangen, weil ihm Grundlagen in der Chemie fehlten. „Das Pharmaziestudium ist hier anders aufgebaut als in Syrien. Es ist komplizierter und anspruchsvoller“, so sein Eindruck. „Die Praktika finde ich sehr anstrengend, und die Klausuren sind hart.“
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Die Grundlagen in Chemie musste Amjad sich erst erarbeiten.
 

Wenn Amjad an sein bevorstehendes Erstes Staatsexamen denkt, macht ihn das nervös. Nur wenn er besteht, bekommt er weiter BAföG und damit die Chance, sein Studium in Deutschland fortzusetzen. Läuft alles gut, kann er sich vorstellen, auch nach seinem Abschluss hier zu bleiben: „Ich würde gern promovieren und in die Pharmaforschung gehen“, verrät er. In Marburg fühlt sich der kontaktfreudige Araber inzwischen wohl. Anfangs machte ihm das Alleinsein zu schaffen, wie er erzählt: „Es ist ein bisschen schwierig, Kontakte zu knüpfen, weil ich aus einer anderen Kultur komme. Viele hier sind nett, aber auch distanziert, und ich weiß dann nicht, ob die Leute eben so sind oder ob es an mir liegt.“

Witze über die Aufenthaltserlaubnis

Offene Anfeindungen erlebt der Syrer nur hin und wieder. In Rostock hat er öfter ausländerfeindliche Sprüche gehört. „Aber es gibt auch hier in Marburg Einzelne, die Vorurteile haben“, sagt er. „Ich versuche, auf diese Leute zuzugehen. Wir können als Ausländer selbst Vorurteile abbauen, indem wir etwas Gutes für das Land tun und zeigen, dass wir gute Menschen sind.“ Aus Amjads Mund klingt das nicht einmal pathetisch. Er schafft es sogar, Rassismus mit Humor zu nehmen. Wenn deutsche Freunde ihn scherzhaft nach seiner Aufenthaltserlaubnis fragen, findet er das witzig. Nach knapp drei Jahren im Land versteht er doch ganz gut, wie seine deutschen Kommilitonen denken und worüber er mit ihnen lachen kann.
 

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