Arzt ohne Grenzen

Unbegegleiteter Flüchtling
  • Beruf & Karriere
  • 24.11.2017

1.500 waren es im Jahr 2015 allein in Berlin. 1.500 Jugendliche aus Afghanistan, Syrien, dem Irak, aus Afrika und Osteuropa, die ohne Eltern in der deutschen Hauptstadt strandeten. Friedemann Egender, damals noch Medizinstudent an der Berliner Charité, war schnell klar, dass die Welle der Hilfsbereitschaft nicht ewig anhalten würde. „Es genügt ja nicht, mit Refugees-welcome-T-Shirts herumzulaufen“ sagt der heute 30-jährige Assistenzarzt. Seit vergangenem Jahr arbeitet er deshalb als eine Art großer Bruder regelmäßig mit den jungen Flüchtlingen. Er bringt ihnen Deutsch bei, begleitet sie auf Ämter, sucht Wohnungen, Arbeitsstellen, Sportvereine, vermittelt Kontakte, organisiert Fußballturniere oder Grillpartys. Egender hat gelernt, dass ein langer Atem nötig ist: „Ich konnte meinem ersten Schützling, Ali aus dem Irak, nach anderthalb Jahren Suche in Kooperation mit der Berlin Apotheke einen Ausbildungsplatz zum pharmazeutisch technischen Assistenten vermitteln“, erzählt er.

Egender und "sein" Flüchtling Ali
 
 

Zeigen, wie Deutschland tickt

„Not alone. Berlin“ heißt das Netzwerk, in dem Egender und acht weitere Medizin-Studierende als große Schwestern und Brüder den Flüchtlingen zur Seite stehen. 50 weitere Studierende sind dem Projekt locker verbunden. Elf Organisationen haben sich dafür zusammengetan, darunter die Ärztekammer Berlin, die apoBank und das Diakonische Werk Berlin. Die Federführung übernimmt der Marburger Bund Berlin/ Brandenburg. „Wir wollen den jungen Zugewanderten zeigen, wie Deutschland tickt“, erklärt Reiner Felsberg, Vorsitzender des MB Berlin/ Brandenburg. Schwerpunkt sind Eins-zu-eins-Begleitungen durch Medizinstudierende, wie Egender sie übernimmt. Für ihn ist es nicht das erste Engagement in der Flüchtlingsarbeit. Während des großen Ansturms auf Berlin 2015 hat er bereits in einer Kinderarztpraxis die Erstversorgung übernommen, später war er eine Zeit lang als medizinischer Koordinator bei einem Verein im Einsatz, der in Berlin Projekte der Jugendhilfe umsetzt.. Dort übernahm er die Einschulungsuntersuchungen der Flüchtlingskinder. An den 15-jährigen aus Nigeria, der damals einmal vor ihm saß, wird Egender sich wohl immer erinnern. "Er saß vor mir, wie mein kleiner Bruder.“ Ein Bruder allerdings, der äußerlich ungerührt von Folter erzählte und schließlich sein T-Shirt auszog. „Der komplette Rücken war vernarbt von Peitschenhieben“, so Egender.

Angst vor schiitischen Milizen

Seine Arbeit im Not alone-Netzwerk ist weniger spektakulär, wichtig sei vor allem, sich auf die Jugendlichen einzulassen. Feste Vorgaben gibt es nicht, die Engagierten entscheiden selbst, wie sie zum Beispiel Deutschunterricht organisieren. Herausfordernd ist vor allem der Umgang mit denjenigen, die Traumata erlebt haben. Wie es war, aus Angst vor den schiitischen Milizen nicht das Haus verlassen zu können, wie es war, dass alle zwei Tage ein anderer Freund plötzlich verschwand? Das konnte der Iraker Ali seinem Betreuer erst nach anderthalb Jahren offenbaren. „Man darf da nicht drängen“, sagt der junge Arzt. „Schweigen gehört zur Verarbeitung.“ Manchmal erlebt Egender auch Jugendliche, deren Haltung er kritisch sieht. „Manche gebildeten Syrer aus gutem Haus fordern, dass wir sie bevorzugt behandeln, also zum Beispiel vor den Jungen und Mädchen, die aus einfachen Verhältnissen in Afghanistan stammen.“ Er macht ihnen dann klar, dass sie sich von einigen Glaubenssätzen lösen müssen, um in Deutschland zurecht zu kommen. Wer die hiesigen Gepflogenheiten akzeptiert, findet grundsätzlich leichter Anschluss, so seine Erfahrung. „Die Kids, die auf ihren alten Mustern beharren, haben da leider größere Probleme.“ Mitunter haben sich die großen Brüder und Schwestern auch wieder von ihren Schützlingen trennen müssen.

Raus aus der Komfortzone

Überhaupt: die großen Schwestern. Die meisten Betreuerinnen sind junge Frauen. In einem Tandem aus einem 15-jährigen Afghanen und einer 22-jährigen deutschen Frau kann es bisweilen knirschen. „Nicht nur, dass da jemand einfach so Hilfe anbietet, ist für die Flüchtlinge ungewöhnlich“, sagt Egender. „Sondern auch, dass die beiden da eine Beziehung und eine gewisse Freundschaft führen, die in den Heimatländern der Flüchtlinge völlig undenkbar wäre.“

Friedemann Egender schätzt es, dass seine Tätigkeit für Not alone ihn zwingt, sich immer wieder aus seiner Komfort-Zone herauszubewegen. Um zum Beispiel über kontroverse Diskussionen zu zeigen, was Demokratie bedeutet. „Vorleben, was Nächstenliebe ist, auch wenn man sich nicht kennt. Dem anderen mit Respekt gegenübertreten. Das können die Jugendlichen mitnehmen, wenn sie eines Tages wieder in ihr Heimatland zurückkehren sollten.“ Er selbst nimmt auch etwas mit, das für seinen weiteren Lebensweg von Bedeutung ist: Sein ehrenamtliches Engagement hat ihn in dem Wunsch bestärkt, eine Laufbahn als Hausarzt einzuschlagen.

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