So wirst du Chefärztin

Chefärztin
  • Beruf & Karriere
  • 25.04.2018

Im Medizinstudium sind Frauen klar in der Mehrheit. Doch im Klinik- und Forschungsbetrieb schaffen sie es selten ganz nach oben. Professorin Gabriele Kaczmarczyk vom Deutschen Ärztinnenbund rät jungen Kolleginnen, mutiger zu sein.


 

Für Ärztinnen in Deutschland sind steile Karrieren noch immer ungewöhnlich. Unter den Studenten der Humanmedizin beträgt der Frauenanteil laut Statistischem Bundesamt aktuell 61 Prozent. Doch ausgebildet werden die künftigen Ärztinnen vor allem von männlichen Professoren: Humanmedizinerinnen haben bislang nur zirka 17 Prozent der Lehrstühle erobert. Auch an Kliniken sind Direktorinnen und Abteilungsleiterinnen rar, wie der Deutsche Ärztinnenbund am Beispiel der Unikliniken aufzeigt (siehe Grafik). Etwas besser sieht es auf der mittleren Führungsebene aus, wo annähernd jeder dritte Posten von einer Frau besetzt ist.
 

Der Deutsche Ärztinnenbund vertritt Interessen von Human- und Zahnmedizinerinnen sowie Medizinstudentinnen. Die Organisation engagiert sich für familienfreundliche Arbeitsbedingungen und gleiche Karrierechancen für Ärztinnen. Zugleich setzt sie sich dafür ein, dass Patientinnen bestmöglich versorgt werden – auf Basis einer Forschung, die sich stärker als bislang mit dem weiblichen Körper befasst.

Für Ärztinnen wird die Luft umso dünner, je weiter sie aufsteigen. Wenn jemand davon zu berichten weiß, dann ist es Gabriele Kaczmarczyk. Die emeritierte Professorin der Berliner Charité setzt sich seit Jahrzehnten für mehr Chancengleichheit ein, unter anderem als Vizepräsidentin des Deutschen Ärztinnenbunds. Sie ermutigt angehende Medizinerinnen, trotz vieler Widerstände nach den Sternen zu greifen. Denn Chefin zu sein bedeutet nicht nur mehr Ansehen und Geld, sondern auch Einfluss: In leitenden Funktionen können Ärztinnen den Klinik- und Lehrbetrieb selbst mitgestalten. Mehr weibliche Führung würde den Medizinerberuf insgesamt frauen- und familienfreundlicher machen, so die Überzeugung von Gabriele Kaczmarczyk. Für angehende Ärztinnen hat sie fünf Karriere-Ratschläge:

1. Das Heft in die Hand nehmen

„Wenn Sie Karriere machen möchten, sollten Sie früh Ziele festlegen. Wer ein Jahr vor dem Abschluss noch nicht weiß, wohin die Reise gehen soll, wird es vermutlich schwer haben. Nehmen Sie sich zum Beispiel vor: In fünf Jahren möchte ich Fachärztin für Urologie sein. Dann können Sie schon während des Studiums Kontakt aufnehmen zu einer der wenigen leitenden Urologinnen in einer Klinik und sie vielleicht als Mentorin gewinnen. Nach dem Berufseinstieg sollten Sie in die entsprechende Fachgesellschaft eintreten, um sich zu vernetzen. Wichtig ist, selbst aktiv zu sein und nicht darauf zu bauen, entdeckt zu werden.“

2. Dem Chef die Augen öffnen

„Als Frau mit Ambitionen müssen Sie sich Gehör verschaffen. Viele Chefärzte haben den Denkreflex, dass junge Kolleginnen früher oder später kürzer treten, wenn sie eine Familie gründen. Machen Sie Ihren Vorgesetzten deutlich, dass Sie höhere berufliche Ziele haben. Oft unterstützen die Chefs Sie dann ohne Wenn und Aber. Sie kommen nur nicht unbedingt von alleine darauf.“

3. Klüngeln wie ein Kerl

„Wenn es um Karriere geht, läuft praktisch alles über Beziehungen. Hier gibt es den üblichen Männerklüngel: Ärzte helfen sich gegenseitig, empfehlen sich für interessante Posten und zitieren einander in Publikationen. Frauen sind da meistens außen vor. Sie konzentrieren sich eher auf die Arbeit mit Patienten und Angehörigen, was ja löblich ist. Mancher Kollege nimmt sich aber auch die Zeit, um mit dem Chef das nächste gemeinsame Paper oder einen Kongressvortrag zu besprechen. Das sollten auch Ärztinnen beherzigen. Statt informellem Klüngel gibt es mittlerweile an vielen Hochschulen und Krankenhäusern auch Mentoringprogramme, von denen Frauen profitieren können.“
 

Frauenanteil unter Lehrstuhl-Inhabern

Frauenanteil unter Lehrstuhlinhabern (wichtigste klinische Fächer, die an allen Hochschulen unterrichtet werden), Direktoren und unabhängigen Abteilungsleitern in der Humanmedizin an deutschen Universitäten. Quelle: Deutscher Ärztinnenbund 2016.

 

4. Den Karriereknick vermeiden

„Die Aufstiegshürden für Ärztinnen mit Kindern sind hoch. Häufig setzen Arbeitgeber Überstunden voraus, und wer da nicht mitmachen kann, ist bei Beförderungen raus. Achten Sie darauf, in einer Klinik zu arbeiten, die fair und familienfreundlich ist. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Ganztagskita, sondern um flexibles Arbeiten und das Führungsmodell. Im Ärztinnenbund machen wir uns zum Beispiel für Top-Sharing stark: Zwei Personen teilen sich eine Position und haben so mehr Zeit für das Privatleben. Auch Männer können sich dann mehr in der Familie engagieren. Leider ist das an Kliniken noch unüblich. Wichtig für junge Mütter: Bestehen Sie darauf, in internen Verteilerlisten zu bleiben, solange Sie in Elternzeit sind. Nehmen Sie weiter an wichtigen Veranstaltungen teil. Und versuchen Sie, bald wieder zu arbeiten, möglichst in Vollzeit.“

5. Wissenschaft forsch angehen

„Wenn Sie Karriere machen wollen und gerne forschen, dann brauchen Sie auch Zeit für Forschung, das heißt eine geregelte Freistellung – und die Förderung Ihres meist männlichen Vorgesetzten. Fordern Sie beides ein. Wenn Sie an einem Projekt beteiligt sind, beanspruchen Sie früh Ihre Co-Autorenschaft. Stellen Sie auch klar, was Ihr eigenes Projekt ist, wenn Sie dafür Geld eingeworben haben. Vernetzen Sie sich international mit Kollegen und Kolleginnen, die ähnliche Fragestellungen erforschen, auf Kongressen und Symposien.“
 

Initiative fordert Frauenquote für die Medizin

Seit Mai 2015 müssen große börsennotierte Unternehmen in Deutschland mehr Frauen in ihre Aufsichtsräte berufen: 30 Prozent beträgt die vorgeschriebene Quote. Laut der Bundesregierung ist dieses Ziel inzwischen fast erfüllt. Die Initiative Pro Quote Medizin appelliert an die Politik, das Gesetz auf das Gesundheitswesen auszuweiten: Kliniken und Universitäten sollten so bald wie möglich 40 Prozent der Chefarztposten und Medizinlehrstühle mit Frauen besetzen. In vielen Bereichen müssten dafür im Vergleich zu heute etwa viermal so viele Medizinerinnen auf Chefsesseln Platz nehmen. Bislang hat die Bundesregierung die Forderung nicht aufgegriffen: Im aktuellen Koalitionsvertrag ist nur vorgesehen, dass bis 2025 eine Quote für Führungspositionen im öffentlichen Dienst eingeführt werden soll. 

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