Neun Tipps für angehende Therapeuten

Psychotherapie
  • Beruf & Karriere
  • 02.05.2018

Annika Hughes ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis in München. Auf dem Weg dorthin hat sie viele Möglichkeiten kennengelernt, ihren Beruf auszuüben. Hier gibt sie neun Tipps für alle, die in Zukunft selbst unter die Therapeuten gehen wollen.   

Dass ich Therapeutin werden möchte, war während meines Psychologiestudiums noch gar nicht so klar. Zunächst wollte ich eher ins Personalwesen. Bei einem Praktikum auf einer Station für Psychosomatik habe ich aber gemerkt, wir spannend die Arbeit dort ist. Bei der Therapeuten-Ausbildung nach dem Studium habe ich mich dann für die Verhaltenstherapie entschieden. Dieses Verfahren ist pragmatisch und gut evaluiert, die Methoden sind sehr transparent auch für die Patienten. Meine Erfahrung: Es lohnt sich, erstmal ein Verfahren gründlich kennenzulernen – und erst später Ansätze aus anderen Therapieschulen hinzuzunehmen. Man braucht eine feste Identität, eine sichere Basis, um die Patienten später gut unterstützen zu können.    

Es hängt von der persönlichen Lebenslage und den finanziellen Möglichkeiten ab, welches Institut am besten passt. Bei manchen bezahlt man keine oder kaum Grundgebühr, erhält aber später kein Gehalt, wenn man dort innerhalb der Ausbildung ambulant Therapiestunden leistet. Bei anderen zahlt man stattdessen beispielsweise  rund 300 Euro monatlich über drei Jahre, dafür bekommt man später für die Therapie-Stunden etwas ausbezahlt. Egal für welches Modell man sich entscheidet – die Lebenshaltungskosten muss man natürlich auch einkalkulieren.  Zusätzliche Faktoren, die eine Rolle spielen, sind natürlich die Zeiten beziehungsweise die Frequenz der Theorie-Seminare. Genauso wie etwa die Frage, ob man sich eher in einem festen Kurs wohlfühlt oder die Seminare frei wählen möchte. Ich selbst habe meine Ausbildung am IVAH in Hamburg absolviert und mich dort gut aufgehoben gefühlt

Das psychiatrische Jahr, das alle angehenden psychologischen Psychotherapeuten machen müssen, ist eine echte Herausforderung. Häufig nur 500 Euro Gehalt für eine volle Stelle, viel Verantwortung – damit muss man sich arrangieren können. Viele nehmen einen Kredit auf, um über die Runden zu kommen. In jedem Fall braucht man viel soziale Unterstützung in dieser Zeit. Und oft auch Glück: Einige wenige Stellen sind besser bezahlt, aber die gilt es erst einmal zu finden. Außer auf die Bezahlung sollte man zudem darauf achten, wie die fachliche Anleitung und Betreuung ist. Bei mir lief es (abgesehen von der Bezahlung) gut, ich war auf zwei Stationen, auf denen sehr viel therapeutisch gearbeitet wurde. Dort hatte ich eine tolle Vorgesetzte und einen Chefarzt, die beide eine gute Supervision angeboten haben. So sind aus dem einen Jahr fünf in der Klinik geworden – und ich habe mitgeholfen, dort eine Institutsambulanz aufzubauen.

Kliniken sind hierarchische Organisationen, darauf sollte man sich als Psychologe einstellen. Es gibt immer noch Ärzte, die Entscheidungen ganz alleine treffen wollen. Jüngere Mediziner sind häufig offener, sie sehen, wie sehr sie von unserem Know-how profitieren können. Was auch daran liegt, dass wir in der Ausbildung mehr praktische Therapieerfahrung sammeln als die Kollegen: Für uns sind 600 Stunden ambulante Therapie Pflicht, für den Psychotherapie-Facharzt braucht man 150. Oft geben wir psychologischen Psychotherapeuten also viel Wissen an Assistenzärzte weiter. Wenn die dann fünf Jahre später Oberärzte geworden und wir auf der gleichen Karrierestufe geblieben sind, ist das schon komisch. Es gibt im Krankenhaus einfach wenige Aufstiegsmöglichkeiten für unsereins, und Stellen als leitende Psychologen sind naturgemäß rar.

Das Tolle an der Arbeit als Psychotherapeutin ist, dass ich sie in ganz unterschiedlichen Varianten ausüben kann. Vollzeit oder Teilzeit sind möglich, angestellt oder freiberuflich oder ein Mix aus beidem. Ich habe fast alles ausprobiert. Neben der Tätigkeit in einer Klinik für Schmerztherapie war ich zum Beispiel in Praxisgemeinschaft mit einem Arzt tätig, danach angestellt in einer Praxis mit Kassensitz. Man teilt sich die Räumlichkeiten, hat jemanden, um sich auszutauschen, dazu viel mehr Freiheiten als im Krankenhaus: Das hilft, wenn man erst einmal in die Selbstständigkeit hineinschnuppern möchte.

Schwerpunktmäßig behandle ich heute Menschen, die unter Ängsten, Zwängen, Depressionen oder auch chronischen Schmerzen leiden. Da sind Patienten in jeder Lebensphase dabei: Die ganz Jungen erleben oft viel Druck etwa im Studium, im mittleren Alter geht es zum Beispiel um unerfüllte Kinderwünsche oder berufliche Konflikte. Übrigens darf man gerade die ältere Generation nicht unterschätzen: Ich habe auch Patienten im Rentenalter – und bin immer ganz beeindruckt davon, wie beharrlich viele noch etwas verändern wollen.

Nur wer auf sich selbst gut aufpasst, kann andere wirkungsvoll unterstützen. Deshalb ist es so wichtig, im Berufsalltag als Therapeut an Supervisionen teilzunehmen, sich fachlich mit Kollegen auszutauschen und zu erkennen, wann man sich persönlich überfordert. Wer zum Beispiel selbst gerade Angehörige verloren hat, ist vielleicht überfordert damit, einen Patienten in einem komplizierten Trauerprozess zu begleiten. Empathie und authentische Abgrenzung sind gleichermaßen wichtig – da sollten wir uns durchaus als Vorbilder verhalten. Und, so banal es klingt, niemals den Ausgleich vergessen: Ich wandere zum Beispiel gern, lese viel, mache Yoga oder gehe bouldern, um im Gleichgewicht zu bleiben.

Ich persönlich habe mich auch deshalb für eine Privatpraxis entschieden, weil sie mir viele Freiheiten eröffnet: Ich behandle Patienten, gebe Supervision für andere Therapeuten, engagiere mich in der Ausbildung und biete Präventionskurse in Unternehmen an. So bekomme ich immer wieder neue Impulse und bin viel unterwegs, das macht großen Spaß.

Ob es etwas gibt, was mich am Therapeutenberuf stört? Ich staune immer wieder, wie schlecht es uns gelingt, gemeinsam für unsere Anliegen zu kämpfen,etwa für  eine bessere Vergütung unserer Leistungen. Da hat die Ärzteschaft im Vergleich die schlagkräftigere  Lobby.  Das könnten wir besser, denke ich. Dafür bietet sich zum Beispiel  das Engagement in der Psychotherapeutenkammer an oder in einem Berufsverband.

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