Psycho-Stress im Studium

Psycho-Stress Studium Medizin
  • Studium & Lernen
  • 21.09.2017

Das Medizinstudium verlangt einem viel ab: Wenig Freizeit, viel Lernstoff, ein straffer Zeitplan. Da ist Stress vorprogrammiert. Ein besorgniserregender Fakt: Nicht wenige Medizinstudierenden haben im Laufe ihres Studiums Suizidgedanken. Was die größten Stress-Quellen sind und wie du dem am besten vorbeugst, darauf hat Medizinstudentin Elisabeth Urich Antworten.

Der Weg zum Arztberuf begann mit schlechten Nachrichten. So erlebte es jedenfalls Elisabeth Urich, Medizinstudentin an der Berliner Charité und studentisches Vorstandsmitglied des Marburger Bundes. "Im ersten Vorbereitungstreffen erklärte man uns, dass die Suizidrate unter Medizinstudierenden im Vergleich zur Normalbevölkerung um das Fünffacher erhöht sei", berichtete Urich an der Speaker´s Corner der apoBank auf dem Hauptstadtkongress in Berlin. "11 Prozent aller Medizinstudierenden haben im Laufe ihres Studium Suizidgedanken." Besonders seien im späteren Berufsleben die Psychiater und die Anästhesisten betroffen.

Warum sind ausgerechnet Mediziner so anfällig für seelische Krisen?
 

… weil Ärzte es so oft mit Leiden, mit Krankheit und Tod zu tun haben.

Studierende lernen es kaum, mit den schwierigen Fragen von Krankheit und Tod umzugehen, meint Urich. "Als ich meinen ersten Toten auf Station erlebt habe, war ich total überfordert!" Aber mit wem darüber sprechen? Während des Pflegepraktikums und der Famulatur ist man immer nur einen Monat auf der Station. "Man kennt sich oft nicht so gut. Umso schwerer ist es manchmal, sich jemandem anzuvertrauen - vor allem bei emotionalen Themen."

… weil bei Ärzten oft anstelle des Berufs die Berufung im Vordergrund steht.

Natürlich identifizieren sich  junge Mediziner schon stark mit dem  Arzt und seiner Rolle, räumt Urich ein. "Aber ich möchte neben der Arztrolle auch immer noch ich bleiben. Man braucht auch schon als Studierende ein Leben neben der Medizin."

… weil Medizinstudierende zu selten "nein" sagen.

Wenn man zum Beispiel im Pflegepraktikum schon am ersten Tag ganz allein für Patienten verantwortlich ist und sie waschen muss, dann ist das vollkommen unverantwortlich, kritisiert Urich. „Leider fallen Einarbeitungszeiten oft weg. Denn sie kosten Geld - und da heißt es dann stattdessen oft: 'Mach mal!'" Es sei kein Geheimnis, dass viele Krankenpfleger und Krankenschwestern in den Semesterferien Urlaub haben. Denn dann ist klar, dass die Pflegepraktikanten im Haus sind, "und plötzlich sind wir allein verantwortlich!" In so einem Moment müsse man auch mal "nein" sagen. Auch wenn es schwer fällt. "Das ist dann eine Frage der inneren Einstellung", meint Urich.

… weil die Belastung durch das Studium enorm ist.

Das Medizinische Wissen hat sich in den zurückliegenden Jahren vervielfacht, müsse aber im gleichen Studienzeitraum erlernt werden wie früher, sagt Urich. Besonders in den klinischen Fächern. Aber nicht nur dort sei sehr viel hinzugekommen. Die Folge der Arbeitsfülle: Soziale Isolation. "Es gibt Zeiten, da sehe ich meine Mitbewohner drei Tage lag nicht", berichtet Urich. Viele Mediziner "versacken in ihrem Bibliotheks-Loch." 54 Prozent aller Medizinstudierenden schaffen ihren Abschluss denn auch nicht im Rahmen der Regelstudienzeit.

… weil zwei Drittel aller Medizinstudierenden zusätzlich Geld verdienen müssen.

Zwei Drittel aller angehenden Ärzte müssen nebenher arbeiten, um ihr Studium zu finanzieren. Das frisst Zeit und Energie. Kino? Auf-der-Wiese-liegen? Viel zu oft Fehlanzeige. Und die Geldnot wird besonders im praktischen Jahr zum Problem. "Gerade hier brauchen wir endlich vernünftige Bezahlung", fordert Urich. "Stattdessen arbeiten wir Vollzeit fast gratis. Aber wie soll das auf Dauer gehen - Vollzeit arbeiten, nebenher für das Examen lernen und dann auch noch für den Lebensunterhalt sorgen!?"

Erste Hilfe bei psychischen Krisen
 

…das Gespräch mit Kommilitonen suchen

Um bei allen Belastungen als Medizinstudierende psychisch auf der Höhe zu bleiben, braucht es vor allem Offenheit für die Problematik. Manchmal hilft schon das Gespräch mit den Kommilitonen. "Wir sind in der Charité eine gute Gemeinschaft, was auch daran liegt, dass wir in Kleingruppen studieren. Wenn da jemand raus fällt, gibt es im Zweifel ein Auffangnetz."

…Beratungsangebote wahrnehmen

Die Charité zum Beispiel unterhält eine Beratungsstelle, den "Medi-Coach". Dorthin können sich Studierende wenden, zum Beispiel mit Lernschwierigkeiten. "Aber es werden auch die Hintergründe solcher Schwierigkeiten beleuchtet", sagt Urich. Ein guter Ansatz.

…Prophylaxen selbst erproben

Auch im Studium selber könnten angehende Mediziner die eigenen psychischen Befindlichkeiten mehr berücksichtigen. "In der psychiatrischen und arbeitsmedizinischen Ausbildung könnten die Studierenden viel mehr Tool-Kits - zum Beispiel der Burn-out-Prophylaxe - kennen lernen und auch an sich selber erproben. Egal ob sie es gerade brauchen oder nicht." Es wäre doch gut, meint die junge Medizinerin, wenn die Ärzte ihre guten Ratschläge auch aus eigener Erfahrung geben könnten.

…Auszeiten nehmen

Und schließlich: Mut zur Lücke! Warum muss jemand, der mit 17 oder 18 Jahren sein Abitur macht, mit 24 Jahren seine Approbation in der Tasche haben? "Was nützt dieser Druck? Warum nicht nach dem Physikum ein halbes Jahr um die Welt reisen, auch wenn es im Lebenslauf eine Lücke ist?", fragt Urich. Schließlich wollen die Patienten keine abgekämpften jungen Ärzte, sondern "gesunde, selbstreflektierte und glücklich junge Menschen."

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