Hart, aber herzlich

Budapest
  • Studium & Lernen
  • 23.03.2018

Um den NC zu umgehen, studiert Marie-Louise Lindner an der staatlichen ungarischen Semmelweis-Universität. Dafür bezahlt sie Zehntausende Euro an Gebühren. Ist es das wert?

Ihr erstes Semester in Budapest war wie eine Eisdusche. Dass man sich hinsetzen und pauken musste, hatte Marie-Louise Lindner erwartet. Aber der Lehrstil der Dozenten kam ihr überraschend streng vor, fast militärisch. „Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich an die mündlichen Prüfungen in Ungarn denke“, gesteht sie.

Inzwischen ist Budapest für sie Geschichte. Nach bestandenem Physikum gehörte Marie-Louise Lindner zu den 40 Auserwählten des Jahrgangs, die ihr Studium in Deutschland fortsetzen konnten – am Asklepios Campus Hamburg (ACH), einer Niederlassung der Semmelweis-Universität. Die heute 24-Jährige hätte auch in Budapest bleiben können. Aber wie fast alle deutschen Kommilitonen wollte sie für die klinische Ausbildung zurück. Vor allem wegen der Sprache, sagt sie: „Mein Ungarisch reicht gerade, um mich im Alltag zu verständigen. Ich könnte kein ausführliches Patientengespräch führen, und das ist unabdinglich, wenn man ein gutes Arzt-Patienten-Verhältnis aufbauen möchte.“

Lernen im Freundeskreis

Der ACH hat einen guten Ruf bei deutschen Auslandsstudierenden, die zurück in die Heimat wollen. „Es gibt Studenten, die an einer deutschen staatlichen Uni unterkommen könnten, sich aber bewusst für uns entscheiden“, sagt Dr. Christoph Jermann, Geschäftsführer der gemeinnützigen Asklepios Medical School, die den Campus betreibt. Dort unterrichten in diesem Hochschuljahr 360 Lehrbeauftragte insgesamt 210 Studierende. Dass es in den Lehrveranstaltungen familiär zugeht, weiß Marie-Louise Lindner zu schätzen: „Wir sind gerade einmal 50 Leute im Semester und kennen einander gut. Das ist wie ein Freundeskreis.“

 

 

Zu acht in einem Seminar zu sitzen, ist hier nicht Ausnahme, sondern die Regel. Bei Visiten im Krankhaus sind maximal zwei Studenten mit einem Arzt unterwegs; oft unterrichten Chef- und Oberärzte selbst. Zurzeit absolviert Marie-Louise Lindner ihr Praktisches Jahr. Dieses PJ folgt dem ungarischen Curriculum, umfasst acht Pflichtfächer und ist damit deutlich breiter und vielfältiger angelegt als anderswo.

Sticheleien muss man aushalten

Diese erfreulichen Bedingungen gibt es nicht umsonst. Zwar ist die Semmelweis-Universität staatlich, doch sie verlangt Gebühren. Bis zum Abschluss müssen Studierende rund 90.000 Euro aufbringen. Wohnen, Essen und andere Dinge des Lebens sind da noch nicht bezahlt. Viele nehmen einen Kredit auf oder nutzen einen Bildungsfonds des Asklepios Campus. Marie-Louise Lindner verdient sich noch etwas dazu, indem sie in einer Notaufnahme arbeitet. „Ja, wir zahlen viel Geld für das Studium. Aber nicht jeder von uns hat reiche Eltern, die das übernehmen“, betont sie. „Wir verdienen später als Ärzte genug, um selbst ein finanzielles Risiko auf uns zu nehmen.“

Hin und wieder muss sie sich Sticheleien gefallen lassen. „Es wird sich über Abiturnoten profiliert“, sagt sie. Soll heißen: Wer ins Ausland geht, erkauft sich sein Studium und mogelt sich um den NC herum, so die Meinung vieler. Marie-Louise Lindner hatte sehr ordentliche Zensuren, nur eben nicht ordentlich genug für das Direkt-Ticket ins deutsche Medizinstudium. In ihren Augen ist jedoch die eigene Motivation wichtiger als glatte Einsen im Abizeugnis: „Wenn du für eine Sache brennst, setzt du dich hin und lernst.“ So ist es auch bei ihr gewesen.

Kein Zwang, bei Asklepios zu arbeiten

Nächsten Sommer will Marie-Louise Lindner ihren Abschluss machen. Dass ihr ungarisches Diplom anerkannt wird, sei sicher, so Dr. Christoph Jermann: „Unsere Absolventen haben damit keinerlei Probleme. Schon sechs Absolventen-Jahrgänge haben mittlerweile die Approbation erhalten, genau wie Absolventen von deutschen staatlichen Universitäten. Auch ihre Berufschancen sind sehr gut. Erfahrungsgemäß bleibt uns bei Asklepios etwa die Hälfte eines ACH-Jahrgangs als Mitarbeiter erhalten. Die Übrigen arbeiten an anderen renommierten Krankenhäusern und Universitätskliniken.“

Wohin es nach dem Abschluss gehen soll, steht für Marie-Louise Lindner noch nicht fest. Sie blickt mit Freude zurück – und nach vorn: „Medizin ist für mich das schönste Studium, und Ärztin ist der beste Beruf der Welt. Wenn ich an meine Zeit hier zurückdenke, bringt mich das zum Lächeln. Ich habe tolle Freunde gefunden. Auch wenn wir uns bald voneinander verabschieden, bin ich sicher: Das ist eine Verbindung, die bleibt.“

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