Rocken, bis der Arzt geht

Vier Freunde, eine Band: die „Rare Tones" Matze, Sebastian, Laurin und Tristan. Foto: Elias Weike
  • Beruf & Karriere
  • 02.11.2018

Zwei Seelen leben in seiner Brust: Der Assistenzarzt Sebastian Heitkamp liebt seinen Beruf und die Musik. Mit Freunden hat er 2012 die Band Rare Tones gegründet. Die vier sehen ihr Projekt als Hobby – aber hin und wieder packt sie der Traum vom Künstlerleben.

Es half nichts. Nach dem Nachtdienst musste Sebastian noch zur Probe. Die Rare Tones wollten ihren Auftritt beim Stadtfest in Rinteln in Niedersachsen nicht verhauen. „Das war eine große Veranstaltung, für die wir gut vorbereitet sein mussten“, erzählt der junge Arzt. Mehr als drei Stunden Schlaf waren an diesem Tag nicht drin. Aber das Erlebnis entschädigte für die Strapaze. Basti, wie seine Band-Kollegen ihn nennen, fühlt sich auf der Bühne fern von allen Sorgen: „Wenn du merkst, dass die Musik beim Publikum ankommt, dann sind die Probleme vergessen, die dich vorher beschäftigt haben.“ Nach einem Gig am Wochenende ist der Gitarrist und Sänger körperlich geschafft, aber seelisch hat er aufgetankt. Im Alltag kann er davon lange zehren.

Gleiche Wellenlänge – nicht nur musikalisch

Basti, Assistenzarzt in der Urologie des KRH Klinikums Robert Koch in Gehrden bei Hannover, ist nicht der einzige Mediziner bei den Rare Tones. Frontmann Laurin Marks arbeitet als Orthopädie-Assistenzarzt im DIAKOVERE Annastift in Hannover. Laurins Bruder Tristan, Schlagzeuger, studiert in Rostock Medizin. Und Gitarrist Matthias „Matze“ Rooch absolviert ein duales Studium in Gesundheitsmanagement in Osnabrück. Dass sich ihre beruflichen Interessen ähneln, sei Zufall, meint Basti. Vermutlich derselbe Zufall, der die Jungs auch musikalisch zusammengebracht hat: Da haben sich vier gefunden, die in vielerlei Hinsicht auf einer Wellenlänge liegen. Ihr Abitur machten die Freunde an derselben Schule in Minden in Westfalen, aber erst Ende 2012 spielten sie zum ersten Mal gemeinsam. Sie harmonierten so gut wie in keiner anderen Gruppe, in der sie vorher musiziert hatten.
 

Impressionen: die Rare Tones in concert

Band und Alltagsleben in Einklang zu bringen, war dagegen nicht immer leicht. Das Studium verschlug die Freunde in verschiedene Städte. Und seit zwei der vier Rare Tones im Berufsleben stehen, ist der organisatorische Kraftakt noch größer. Sie haben sich vorgenommen, mindestens alle zwei Monate mehrere Konzerte an einem Wochenende zu geben – in Clubs, bei öffentlichen Events oder auf Hochzeiten. Einmal im Jahr versuchen sie gleichzeitig Urlaub zu nehmen, um eine kleine Tour zu machen. Bislang klappt das gut. „Ohne Unterstützung aus unserem Umfeld wäre das nicht möglich. Unsere Freundinnen und unsere Familien stehen voll hinter uns. Auch unsere Chefs haben Verständnis. Dafür sind wir sehr dankbar“, betont Basti.

Aus zwei Traumberufen wählte er den sicheren

Geld verdienen die Rare Tones mit ihrer Musik allerdings kaum. Die Gagen decken zum Teil nicht einmal ihre Spesen. Trotzdem bleiben die Hobbykünstler am Ball. Träumen sie vom großen Plattenvertrag, der es möglich macht, Medizin und Gesundheitsmanagement sausen zu lassen? „Es gibt schon Momente, in denen wir uns das ausmalen“, gesteht Basti. „Wenn wir die Chance bekämen, würden wir es wahrscheinlich durchziehen. Man lebt ja nur einmal.“ Die Realität sieht zurzeit anders aus, aber der Berufseinsteiger fühlt sich auch damit wohl, wie er beteuert: „Arzt ist mein lang ersehnter Traumberuf. Ich gehe da mit der gleichen Leidenschaft heran wie an die Musik. Mir gefällt die Wissenschaft hinter der Medizin und die Arbeit am Patienten. Man lernt jeden Tag etwas dazu. In anderen Berufen hat man das nicht.“
 

„Dance“ – das erste Musikvideo der Rare Tones
 


Auch aus finanzieller Sicht hält er die Medizin für eine gute Wahl: „Im Arztberuf hast du Sicherheit. Selbst wenn ich ein paar Jahre aussetzen würde, um Musik zu machen: Als Arzt falle ich weich, wenn ich zurückkehre.“ Nach seiner Assistenzzeit will sich Basti auf Urologie spezialisieren. Im Studium weckte eine Famulatur sein Interesse für dieses Fach. Unter anderem faszinieren ihn moderne OP-Technologien wie die Da-Vinci-Robotik, die Urologen zum Beispiel bei der Entfernung der Prostata oder der Harnblase einsetzen. „Man kann in dem Fach chirurgisch arbeiten oder in Richtung Onkologie gehen. Beides könnte ich mir vorstellen“, sagt der junge Arzt. „Und im Unterschied zur klassischen Chirurgie sind die Arbeitszeiten besser planbar.“ Etwas Spielraum fürs Privatleben und für die Musik ist für ihn eben ein Muss.
 

Folk-Rock aus Westfalen

Was die Rare Tones so rar macht, ist ihr Akustik-Sound, verbunden mit mehrstimmigem Gesang. Bei ihren Konzerten hört man schon einmal Saxophon, Banjo oder Mandoline, niemals jedoch Synthesizer. Zu den musikalischen Vorbildern der Band zählen Country-Rock-Legenden wie die Eagles oder zeitgenössische Folk-Rocker wie Mumford and Sons. Live kann man die Rare Tones vor allem in Norddeutschland und in ihrer Heimat Westfalen erleben. Ihr erstes Album „To a friend“ ist Anfang 2018 bei einem Indie-Label erschienen.

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