Achterbahnfahren gegen Asthma

Achterbahn Spaß-Nobelpreis
  • Leben & Finanzen
  • 10.05.2017

"Ernste Forschung, aber verrückt" - mit den Spaß-Nobelpreisen werden jedes Jahr kuriose Forschungsarbeiten geehrt. Ein Interview mit Juror Mark Benecke.

Ist ein Straßen-Hubbel ein gutes Diagnoseinstrument?
Wenn es um den Blinddarm geht, ja. Es kann tatsächlich sein, dass der sicherste Hinweis auf eine Entzündung der Schmerz beim Über-­einen­-Hubbel­-Fahren ist.

Für diese Erkenntnis bekam ein Forscherteam 2015 den Spaß-Nobelpreis für Medizin. Wozu braucht die Welt solche Arbeiten?
Weil sie lustig, interessant und nützlich sind. Und um Menschen aufs Glatteis zu führen, die vorgeben zu wissen, was Forschung ist.

Sie sitzen in der Jury der Spaß-Nobelpreise. Sind alle Studien, die dort prämiert werden, methodisch sauber?
Anfangs waren die Preise auch als Satire auf echten Bullshit gedacht. Zum Beispiel auf diese Studie, die beweisen sollte, dass Wasser ein Gedächtnis hat. Die zweite Gruppe sind Studien zu Themen wie: Wird Magie bei Harry Potter dominant oder rezessiv vererbt? Das ist Jonglieren mit Quatsch, aber – vor dem Hintergrund des Harry­Potter­Universums – methodisch durchaus sauber. Der dritte Bereich ist ernste Forschung, die kein bisschen absurd ist, sich aber verrückt anhört.

Beispiele, bitte.
2007 gab es den Medizin-IgNobel-Preis für eine Studie über die gesundheitlichen Folgen des Säbelschluckens, 2010 für den Nachweis, dass man Asthmasymptome mit einer Achterbahnfahrt behandeln kann. Und 2012 für Tipps, mit denen sich vermeiden lässt, dass ein Patient während einer Darmspiegelung platzt.

Wie reagieren die Forscher auf die Auszeichnung?
Für Asiaten ist Gesichtsverlust wirklich das Schlimmste. Deshalb haben wir in den ersten Jahren asiatische Forscher nur ganz vorsichtig angefragt. Heute machen zumindest Südkoreaner und Japaner den Spaß gerne mit, wie auch die meisten westlichen Kollegen. Nur die Bundeswehr versteht keinen Spaß.

Die Bundeswehr?
Ein Ärzteteam der Bundeswehr hat kürzlich über die Verweiblichung von adipösen Soldaten geforscht, also darüber, dass Männern durch Fettleibigkeit Brüste wachsen. Denen wollten wir den Preis gern geben, aber da war kein Durchkommen.

Bei der Verleihung in Harvard sitzen auch immer echte Nobelpreisträger im Saal. Sind Genies offener für Forschungsthemen, die quer zum Mainstream liegen?
Quer ist das richtige Wort. Ich arbeite ja regelmäßig mit Hochbegabten und habe mich gefragt: Wie kommt es, dass manche den Schritt zum Genialen machen und andere nicht? Meine These: Ich glaube, das ist nur Querdenken! Was wir als normale Menschen genial finden, ist die Fähigkeit, nicht nur Labor­-Forschung, sondern öfter auch kulturelle und soziale Konstrukte quer zu betrachten.

Macht der Druck, unter dem Forscher heute stehen, solches Querdenken schwieriger?
Auf jeden Fall sind die verrückten Sachen im Wissenschaftsbetrieb seltener geworden. Ich sammle rechtsmedizinische Doktorarbeiten von früher. Großartiges Zeug! Zum Beispiel: Kann man aus einer Leiche mit einer Spritze noch aktive Spermien entnehmen? Die Zeiten, in denen so et­was als Doktorarbeit angenommen wurde, sind vorbei.

Was war die schrägste Studie, die Sie je gelesen haben?
Da möchte ich nichts hervorheben. Die Spaß-­Nobelpreise sind wie eine riesige weiße Wand, auf der immer mehr Mosaiksteinchen auftauchen. Du lachst über die einzelnen Teilchen. Aber erst wenn sich so das Gesamtbild zusammensetzt, begreifst du, was für ein fantastisches Ding das ist, diese Wissenschaft.


Dr. Mark Benecke, 46, ist Kriminalbiologe. Über den Spaß-Nobelpreis hat er zwei Bücher geschrieben, zuletzt: "Warum Tätowierte mehr Sex haben".

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