Heilen verpflichtet

Heilberufe bleiben oft in der Familie
  • Leben & Finanzen
  • 26.06.2017

Überdurchschnittlich häufig ergreifen Kinder von Heilberuflern denselben Beruf wie ihre Eltern. Warum eigentlich?

Der Weg vom Angestellten zum Inhaber einer eigenen Niederlassung war für Sanitätsrat Dr. Josef Heermann nicht weit: Er musste nur über die Straße gehen. 1888 hatte der Ohrenarzt aus Recklinghausen eine HNO-Praxis in Essen gegründet, direkt gegenüber dem Krupp-Krankenhaus, in dem er parallel als Chefarzt tätig war. Klinikleitung und eigene Praxis zugleich, das schloss sich für Mediziner im Deutschen Kaiserreich nicht aus. Heute ist die Niederlassung von Sanitätsrat Heermann eine der ältesten Arztpraxen Deutschlands. Zwar steht sie nicht mehr am selben Ort. Dafür hält das Arztschild die Erinnerung wach: „HNO-Praxis am Grillo-Theater - Familientradition seit 1888“.

Ein Dutzend Heilberufler in der Familie

Dr. Jörg Lutz ist Urenkel des alten Sanitätsrats und hat ein Dutzend weiterer Heilberufler in der Familie. Sein Großvater, zwei seiner Onkel und ein Cousin sind Hals-Nasen-Ohren-Ärzte geworden, andere Cousins haben Gynäkologie oder Radiologie studiert, ein Bruder arbeitet als Mediziningenieur. Lutz hat 2005 die Praxis von seinem Onkel Peter Heermann übernommen und führt sie nun in vierter Generation.

Frühe Prägung

Für Jörg Lutz stand der Arztberuf lange nicht zur Debatte. Der Sohn eines Lehrerpaars machte zunächst eine Banklehre. „Ich wollte Börsenmakler werden“, erinnert sich der 50-Jährige. Ein Job, der für ihn schon in der Ausbildung den Reiz verlor: „An der Börse läuft vieles nur noch über Computer, ohne Kontakt zu Menschen.“ Einen echten Kontaktberuf dagegen kannte er von seinem Großvater: In dessen Praxis in der Innenstadt hatte Lutz als Kind mit seinen Eltern regelmäßig nach dem Einkaufen vorbeigeschaut. Er hatte die Mutter begleitet, die oft am Empfang aushalf. Und manchmal ließ ihn der alte Herr, der unter der elterlichen Wohnung lebte, auch mit Medizingeräten spielen.

Nach der Banklehre schwenkte Lutz um auf Medizin. Zunächst strebte er in die Chirurgie, landete aber schließlich bei der HNO-Medizin. „Das Filigrane an dem Beruf hat mich fasziniert“, sagt er. Wie sein Onkel Joachim, der nach dem Krieg erst in den USA und Frankreich praktizierte, arbeitete aber auch Lutz zunächst in Kliniken. Als dann vor zwölf Jahren das Angebot seines Onkels Peter kam, habe er nicht gezögert, in die Familienpraxis einzusteigen, sagt Lutz: „Schon, weil man in der Niederlassung viel mehr Nähe zu Patienten aufbauen kann. Das ist ein ganz anderer Beruf als der des Klinikarztes.“ In der Anfangszeit wechselten sich Junior und Senior wochenweise ab. „So konnten wir uns langsam gewöhnen - die Patienten an die neue Nase und ich an den neuen Job.“ Heute führt Jörg Lutz die Praxis mit einem angestellten Arzt.

Gründergeist färbt ab

Für Reinhard Prügl sind es solche frühen Prägungen, die Arztkindern häufig den Weg in den Heilberuf bahnen. „Man wächst mit dem Familienunternehmen auf, ob man will oder nicht“, sagt der Wirtschaftsprofessor, der am Friedrichshafener Institut für Familienunternehmen (FIF) der Zeppelin-Universität forscht. Empirische Studien des FIF zeigen, dass vor allem der unternehmerische Geist abfärbt. „Wer nicht ins Familienunternehmen einsteigt, der will zumindest oft selbständig arbeiten, etwas Eigenes gründen.“ Ärzte, die in einer Familienpraxis aufgewachsen sind, zögen deshalb meist eine eigene Niederlassung vor - selbst wenn ihnen ein Posten als Klinikchef sicher ist. Und profitieren dabei von einem Netzwerk, das ihre Vorfahren oft über Generationen gesponnen haben.
 

Eine Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zeigt, dass knapp ein Viertel aller Medizinstudenten einen Arzt als Elternteil hat, bei einem Drittel sind andere Verwandte Mediziner. Zum Vergleich: In der gesamten Bevölkerung geben nur acht von 100 Schülern an, sie wünschten sich denselben Beruf wie ihre Eltern.

Von Kindheit an mit dem Heilberufe-Virus infiziert

Apotheker Martin Roth steht im Verkaufsraum der Ratingsee-Apotheke in Duisburg-Meiderich, die er vor 25 Jahren von seinem Vater übernommen hat. Für ihn ist klar, dass das Familienunternehmen seinen Berufswunsch stark geformt hat. „Ich bin seit meinem zweiten Lebensjahr in der Apotheke.“ Als Jugendlicher habe er Botendienste gemacht, beim Auspacken von Medikamenten geholfen und Kisten geschleppt, wenn wieder eine Grippewelle anrollte. Was alles zum Apothekerberuf dazugehöre, habe er früh gelernt.

Dass er Pharmazie studieren müsse, sei ihm dagegen nie eingeredet worden. „Aber irgendwie haben es meine Eltern doch hingekriegt“, sagt Roth, dessen Frau ebenfalls Apothekerin ist und die eine weitere Offizin in Moers führt. Auch auf seinen Bruder hat der Heilberuflerhaushalt offenbar abgefärbt: Er arbeitet heute als Kinderchirurg in München.

Der Wandel der Zeit

Als Roths Vater die Offizin 1959 gründete, war Duisburg eine Stadt mit viel Schwerindustrie. Heute steckt das Ruhrgebiet im digitalen und demografischen Wandel, der auch in der Apotheke Spuren hinterlässt: Vor der Tür steht ein Pillentaxi, mit dem Roth Patienten zu Hause beliefern kann. Und anders als früher kommuniziert man auch über E-Mail mit Kunden - dafür ist Tochter Christina zuständig. Martin Roth berät lieber mündlich: „Ich fühle mich manchmal als Theologe oder Psychotherapeut - wir Apotheker beraten ja auch oft bei persönlichen Krisen.“

Neue Generation, frischer Wind

Für Apotheker Martin Roth steht bereits fest, dass seine Tochter Christina einmal das Geschäft übernimmt. Er hat sogar schon für sie investiert: Vor ein paar Jahren hat er die platzraubenden Schubladenschränke in der Apotheke durch einen modernen Arzneimittel-Automaten ersetzt und so den Verkaufsraum vergrößert. „Höhere Investitionen in Mieträume sind eigentlich nicht selbstverständlich“, sagt der 59-Jährige. „Aber das haben wir für unsere Tochter gemacht.“

Harmonischer Übergang

Wirtschaftsforscher Prügl sieht im Aufeinandertreffen der Generationen, das in Familienpraxen und -apotheken kaum zu vermeiden ist, eine Chance: „Wenn beide Seiten offen sind und man Differenzen nicht auf der Beziehungsebene austrägt, kann eine Familienpraxis davon nur profitieren.“ Vor allem, weil auch die Jungen von den Alten viel lernen können: In seiner Familie würden seit mehr als 100 Jahren dieselben Tinkturen benutzt, um Entzündungen zu behandeln, erklärt etwa Jörg Lutz. „Die stammen aus einer Zeit, in der es noch keine Antibiotika gab. Schlägt bei meinem Patienten ein Antibiotikum nicht recht an, probiere ich ein Familienrezept aus - meist mit Erfolg.“

Der Übergang in Familienbetrieben habe zudem eine andere Dynamik als bei anderen Praxisübernahmen, sagt Prügl. Einer der Vorteile: „Wenn ich mir mit meinem Bruder die Geschäftsführung teile, wird der im Normalfall nicht gegen meine Interessen handeln.“ Komme es andererseits doch zum Konflikt, wisse man eher, wie der andere ticke - was ein Nachteil sein könne: „Das kann lang erprobte Muster aus der Familie aktivieren. Man kennt sich ja von klein auf.“

Auch Jörg Lutz wäre stolz, wenn eines seiner Kinder die in der Kaiserzeit gegründete Praxis weiterführen würden: „Ich sage ganz offen: Das ist ein Ehrgeiz von mir. Auch wenn sie natürlich machen können, was sie wollen.“

Übergangsphase als Chance nutzen

Worauf er beim Übergang achten muss, könnte der HNO-Arzt der Studienreihe „Deutschlands nächste Unternehmergeneration“ entnehmen. Für die Erhebung befragt das FIF regelmäßig Nachfolger in Familienunternehmen. Dabei zeigt sich: Die Junioren erwarten von der Seniorgeneration vor allem „Unterstützen“ und „Loslassen“, also weder zu viel, noch zu wenig Hilfe. Reinhard Prügl sieht die Nachfolgezeit entgegen der herrschenden Meinung überwiegend positiv: „Man sollte die Übergangsphase nicht nur als Problem, sondern vor allem als Chance begreifen. Wann, wenn nicht dann, bietet sich die Möglichkeit auf tiefgreifende Erneuerung?“, sagt der Wirtschaftsforscher. Er beobachte oft, „dass auch bei den ‚Oldies‘ noch mal Energie frei wird, sobald die Junioren an Bord sind“. Der Familiendampfer könne von dieser speziellen Dynamik nur profitieren.

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