Ausland in Sicht: Trotz Pandemie jetzt um Gastsemester oder PJ-Platz kümmern

Ausblick auf Ålesund in Norwegen
  • Studium & Lernen
  • 19.02.2021

Geschlossene Grenzen, lokale Ausgangssperren, Absagen aus Gastländern: 2020 war nicht das beste Jahr für ein Auslandsstudium. Nach wie vor ist unsicher, wie lange die Corona-Pandemie noch andauern wird. Trotzdem spricht viel dafür, jetzt Pläne zu schmieden.

Merle Sauer bereut nichts. Die Medizinstudentin hat das Sommersemester 2020 in Norwegen verbracht. Als die Covid-19-Pandemie im März in Europa ankam, hatte der Unterricht am Oslo University Hospital gerade erst begonnen. Plötzlich war von Reisebeschränkungen die Rede. Andere internationale Studierende flogen zurück in ihre Heimat, weil sie nicht im Ausland festsitzen wollten. „Vielen war es lieber, bei ihrer Familie zu sein. Meine Eltern waren zu der Zeit aber gerade in Südamerika. Es hätte für mich kaum einen Unterschied gemacht, wenn ich zurück nach Berlin gegangen wäre“, erzählt Merle, die an der Charité inzwischen im 10. Semester studiert. Sie ist zufrieden mit ihrem Auslandsaufenthalt. „Die Uni in Oslo hat innerhalb von ein paar Tagen auf Online-Lehre umgestellt, sogar die Untersuchungskurse und Prüfungen. Das hat gut funktioniert“, berichtet die 24-Jährige. Gegen Ende des Semesters gab es dann auch wieder Präsenzunterricht. Die Scheine, die Merle in Norwegen erworben hat, kann sie sich ausnahmslos anrechnen lassen.

Erasmus, Cyber-Edition

Nicht alle haben solches Glück. Im laufenden Wintersemester verwirklicht nur die Hälfte der 140 Erasmus-Stipendiaten der Charité den geplanten Auslandsaufenthalt. Teils sagten die Partneruniversitäten ab, teils verzichteten die Studierenden. Seit die zweite Corona-Welle Europa im Griff hat, ist vielerorts wieder Online-Lehre angesagt. Ein perfektes Gastsemester stellt man sich anders vor: Land, Leute und Kultur lernt man im Lockdown kaum kennen. Einige ausländische Hochschulen bieten Erasmus-Stipendiaten sogar an, das Online-Studium komplett von Deutschland aus zu absolvieren. Das klingt nicht nur seltsam, es lohnt sich auch aus fachlicher Sicht nicht unbedingt. „Die Unterrichtsqualität ist sehr unterschiedlich“, sagt Marta Gogluska-Obirek, Erasmus-Koordinatorin an der Charité. „Manche Unis haben die Umstellung auf Online-Lehre besser hinbekommen als andere. Das hängt unter anderem vom Lehrsystem im jeweiligen Land ab. Praxisorientierte Studiengänge – wie zum Beispiel in Frankreich – funktionieren im Distanzunterricht nicht so gut.“ Ein weiterer Nachteil des rein virtuellen Gaststudiums: Wer in Deutschland bleibt, erhält bislang kein Erasmus-Stipendium.
 

Wir wissen nicht, wie sich die Situation genau entwickelt. Aber wir sind optimistisch, dass alles besser wird. Man kann den Auslandsaufenthalt vielleicht nicht unter gewohnten Umständen realisieren, aber trotzdem wertvolle Erfahrungen sammeln.

Marta Gogluska-Obirek, Erasmus-Koordinatorin an der Charité Berlin

 

Wie viel Online-Lehre in den nächsten Semestern noch notwendig sein wird, lässt sich schwer einschätzen. Bewirbt man sich jetzt für einen Austausch, geht es in der Regel erst im Jahr 2022 los. Dann könnte der Studienbetrieb schon wieder relativ normal ablaufen. „Wir wissen nicht, wie sich die Situation genau entwickelt“, so Marta Gogluska-Obirek. „Aber wir sind optimistisch, dass alles besser wird. Man kann den Auslandsaufenthalt vielleicht nicht unter gewohnten Umständen realisieren, aber trotzdem wertvolle Erfahrungen sammeln.“ Die Koordinatorin rät, sich auf jeden Fall zu bewerben. Zurückziehen könne man immer noch. „Es ist am Ende auch eine Frage der Persönlichkeit, mit welchen Einschränkungen man leben kann.“

Standortvorteil: Natur vor der Haustür

Merle Sauer arrangierte sich. „Klar war es frustrierend, so viel auf der Bude zu hocken“, räumt sie ein. „Und es war schade, dass wir keinen Patientenkontakt hatten. Das wäre aber in Berlin nicht anders gewesen.“ Auch mit Einheimischen hatte die Studentin wenig zu tun, was sie bedauert. Umso mehr unternahm sie mit anderen Internationals, die wie sie viel Zeit im Wohnheim verbringen mussten. Im Vergleich zu Metropolen wie Paris oder Madrid hatte Oslo während der ersten Pandemie-Monate einen großen Vorteil: Die norwegische Hauptstadt ist umgeben von Natur. So konnte sich die Erasmus-Community viel unter freiem Himmel treffen, zum Fußball, zum Baden im See, zum Joggen im Wald. Gegen Semesterende machte Merle in einer kleinen Gruppe eine Autotour bis zu den Lofoten. Orte, an denen es sonst von Touristen wimmelt, hatten sie fast für sich allein. „Das war der reine Luxus“, so die Studentin.
 

Merle Sauer Norwegen

Merle Sauer an einem der einsamen Orte während ihrer Sommerreise durch Norwegen
Foto: privat

 

Also besser gleich nach Skandinavien bewerben statt nach Frankreich oder Großbritannien? Marta Gogluska-Obirek hält das nicht für sinnvoll. Studierende sollten ihr Lieblingsland wählen – nicht zuletzt, weil die Zahl der Plätze begrenzt bleibt. An der Charité konkurrieren aktuell so viele Bewerber wie noch nie um ein Gastsemester oder PJ-Tertial im Ausland. Zahlreiche Studierende, deren Pläne wegen Corona geplatzt sind, suchen ihre zweite Chance. Etwas bessere Karten hat, wer im Wintersemester starten möchte, denn für den Sommer 2022 liegen besonders viele Anträge vor. Die Koordinatorin hat gut zu tun, auch weil die Studierenden mehr Beratung brauchen als sonst. Eine Frage taucht häufig auf: Wie sichere ich mich finanziell für den Fall ab, dass neue Reisebeschränkungen in Kraft treten oder die Partner-Uni kurzfristig absagt? „Im vergangenen Jahr wurden Kosten für Flüge und Unterkünfte zum Teil über das Erasmus-Programm erstattet“, sagt Gogluska-Obirek. „Aber in Zukunft müssten EU-Kommission und DAAD darüber neu entscheiden.“ Eventuell empfiehlt sich daher eine Reiserücktritts- oder Auslandsversicherung für Studierende.

Wenn die Reise näher rückt, sei es wichtig, sich über die Internetseiten der Gastuniversität und des Auswärtigen Amts auf dem Laufenden zu halten. Wer ein PJ-Tertial im Ausland machen möchte, sollte auf jeden Fall zweigleisig fahren, betont die Beraterin: „Finden Sie eine Klinik in Deutschland, an der Sie Ihr Praktikum absolvieren können, falls es im Ausland doch Probleme gibt. Wir sind optimistisch, dass sich die Lage entspannt. Trotzdem empfehlen wir immer einen Plan B.“