Zweitstudium Medizin: Ein steiniger Weg zum Traumberuf

Zweitstudium Human Medizin Johannes Vicenik
  • Studium & Lernen
  • 02.10.2017

Drei Prozent der Medizin-Studienplätze werden an Bewerber vergeben, die bereits ein Erststudium absolviert haben. Was einfach klingt, ist aber nicht selten mit einem steinigen Weg verbunden. Denn viele Bewerber konkurrieren um wenige Studienplätze und die Anforderungen sind hoch. Diese Erfahrung hat auch Johannes Vicenik gemacht. Der 32-Jährige hat einen bunten Lebensweg und musste den einen oder anderen Umweg in Kauf nehmen, um sich den Wunsch vom Traumberuf Arzt zu erfüllen.

Johannes, mit 29 Jahren bist du endlich bei deinem Ziel "Medizinstudium" angekommen. Wie sah der Weg dorthin aus?
Als Kind war ich mit meinen Eltern viel in der Welt unterwegs. Wir haben eineinhalb Jahre in Singapur gelebt, ein Jahr ein Honduras und drei Jahre in Litauen. Während dieser Zeit bin ich auf keine Schule gegangen - stattdessen hat mein Vater mich mit ins Büro genommen, damit ich etwas Anständiges lerne. Als ich mit elf Jahren wieder in Deutschland lebte, habe ich das erste Mal eine Schule von innen gesehen.

Wie ging es von dort aus weiter?
Ich habe mit elf Jahren eine Woche in der 1. Klasse verbracht, dann acht Wochen in der 2. Klasse und "durfte" dann in der 3. Klasse unterrichtet werden. Kurz darauf sind wir nach Falkensee bei Berlin gezogen und der dortige Direktor hat mich in die 5. Klasse geschickt. Ich habe dann nach dem Tod meines Vaters ziemlich normal meine Schulausbildung in Mecklenburg-Vorpommern abgeschlossen, hatte aber immer den Willen, mich zu bilden. Als ich schließlich in der Oberstufe war, habe ich parallel Vorlesungen an der Uni Rostock besucht. Das war praktisch der Startschuss für mein akademisches Leben. Mit 21 Jahren hatte ich mein Abi in der Tasche.

Du hättest dich damals schon für ein Medizinstudium bewerben können, warum hast du es nicht getan?
In der Tat hatte ich schon lange den Wunsch, Arzt zu werden. Aber nach dem Abi habe ich mich dann doch anders entschieden. Nach einem Semester Archäologie habe ich im Sommer 2007 mein Sozialpädagogik-Studium begonnen. Das Fach hat mich sehr gereizt, weil ich ein großes Interesse an den Menschen und den sozialgesellschaftlichen Zusammenhängen habe.

Was war ausschlaggebend dafür, dass du dann doch noch einmal umgesattelt hast?
Der Wendepunkt, der meinen Herzenswunsch Arzt zu werden wieder erweckte, war meine Diplomarbeit. Dort habe ich mich Monate lang intensiv mit den psychischen und physischen Auswirkungen von Folter und Kriegstraumatisierungen auseinander gesetzt. Ich habe gemerkt, dass es mir wahnsinnig wichtig ist, Menschen in ihrem Heilungsprozess kompetent behandeln zu können - und das zu erlernen. Als Sozialarbeiter kann man die Menschen nur bei winzigen Schritten begleiten und bei alltäglichen Dingen wie Busfahrten, Anträgen etc. helfen. Darum entschloss ich mich, den Weg Arzt zu werden anzutreten - um die Menschen behandeln zu können. Deshalb der Wunsch, Medizin zu studieren.

War es leicht, einen Zweitstudienplatz zu ergattern?
Nein, auf gar keinen Fall. Sobald man ein Erststudium abgeschlossen hat, zählt die Abi-Note nichts mehr. Stattdessen werden Punkte in verschiedenen Kategorien vergeben, z. B. wie "wertvoll" die Kombination von Erst- und Zweitstudium ist, ob man Kinder betreut bzw. Familienangehörige pflegt, wissenschaftliche Gründe etc. Um die nötigen Punkte zu erlangen, blieb mir schließlich nur der Weg, in Sozialpädagogik eine Promotion zu beginnen. Das habe ich dann gemacht. 

Ein Promotion, um Medizin studieren zu können - das klingt nicht nach Zuckerschlecken…
Richtig - es war ein langer Weg. Keine Frage! Aber die Jahre der Forschung haben sich definitiv gelohnt. Ich habe das im Studium begonnene Thema über Extremtraumatisierungen erfolgreich fortgesetzt und hierbei schon viel gelernt, was mir bei meiner späteren Arbeit als Arzt hoffentlich zugutekommen wird.

Wie lief das Bewerbungsverfahren zum Zweitstudium für dich genau ab?
Ich habe mich bei der Uni Rostock beworben. Dort haben drei Medizin-Professoren die wissenschaftlichen Ergebnisse meiner Studie und mein Dissertationsprojekt begutachtet und mich dann in zwei dreistündigen Gesprächen auf Herz und Nieren geprüft. Danach hat der Unidirektor das Gutachten der Professoren geprüft und schließlich gingen dann alle Unterlagen noch einmal zu hochschulstart.de, die ebenfalls noch einmal alle Unterlagen verifiziert haben. 2014 habe ich dann endlich die Zusage für den Studienplatz bekommen.

Wie hast du dich gefühlt, als die Zusage kam?
Ich war unendlich happy und glücklich wie nie zuvor. Ich kann allen, die ein Zweitstudium aufnehmen wollen, nur Mut machen. Der Aufwand lohnt sich. Und auch, wenn es hart ist - man sollte niemals aufgeben. Schließlich wird man für die Mühen belohnt.

Ist seit der Zusage alles eitel Sonnenschein?
Was das Studium an sich angeht, ja. Aber ein Problem ist natürlich die Finanzierung. Es gibt nur wenige Stiftungen, die ein Zweitstudium fördern. Und in der Medizin kommt hinzu, dass eine Förderung meistens erst ab dem Physikum gewährt wird. Nicht umsonst habe ich 123 Absagen erhalten. Das war schon ziemlich niederschmetternd. Denn irgendwie muss ich mich ja finanziell über Wasser halten. Letztlich bin ich über die Reimann-Dubbers-Stiftung dann doch noch gefördert worden. Darüber hinaus habe ich über die apoBank einen KfW-Studienkredit beantragt und arbeite neben dem Studium.

Was sind deiner Meinung nach die Vorteile, wenn man als Quereinsteiger ein Medizinstudium aufnimmt?
Das Medizinstudium ist sehr an Fakten orientiert. Es ermutigt einen nicht unbedingt, nach dem "Warum" zu fragen. Und der Blick auf das Gesellschaftliche fehlt. Dabei ist das gerade für den Arztberuf ein relevanter Faktor. Neben meiner Doktorarbeit habe ich 30 Stunden pro Woche in einem Obdachlosenheim als Sozialbetreuer gearbeitet. Meine Aufgabe war es, die Leute dazu zu befähigen, wieder eigenständig in einer eigenen Wohnung zu leben und eine neue Lebensperspektive zu entwickeln. Durch diese Arbeit bin ich viel toleranter geworden und habe ein Verständnis für viele verschiedene Lebensmodelle entwickelt. Mein Credo ist: "Menschlich bleiben - nicht wertend denken". Das ist auch beim Umgang mit Patienten essenziell - schließlich trägt man als Arzt viel Verantwortung.

Welche Spezialisierung strebst du an?
Zu 90 Prozent werde ich mich auf Psychiatrie/Neurologie spezialisieren. Hier steckt mein Herzblut drin. Mein Traum ist eine eigene Praxis, in der ich Trauma-Patienten behandeln kann. Allerdings hat mal ein Prof zu mir gesagt, dass ich nicht böse auf mich selbst sein soll, wenn ich im Laufe des Studiums meine Liebe für ein anderes Fachgebiet entdecke.

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