Sechs Wochen im Himalaya

Warmwerden auf 4.130 Metern: Vor ihrer Famulatur erkundeten die fünf Kommilitoninnen die Annapurna-Region.
  • Studium & Lernen
  • 12.10.2018

Nach ihrem Abschluss zog es sie zusammen in die Ferne: Die Zahnmedizinerin Charlotte Wiese aus Hannover war mit vier Kommilitoninnen in Nepal unterwegs. Sie hospitierten in einer modernen Klinik und zwei Außenstellen hoch in den Bergen.

Die dünne Luft im Himalaya kann Mitteleuropäern schwer zusetzen. Zum Glück liegt die Millionenstadt Kathmandu, wo Flugreisende ankommen, nur etwa 1.300 Meter über dem Meer. Wer klug ist, gewöhnt sich eine Weile ein und macht am Tag maximal 500 Höhenmeter. So hielten es auch Charlotte Wiese und ihre Reisegefährtinnen, als sie im April 2018 in Nepal ankamen. Nach ihrem Staatsexamen im vorigen Herbst hatten sie sich für das Abenteuer Himalaya zusammengetan. Bevor sie dort ihre Famulatur antraten, bereisten sie zwei Wochen lang das Land. Einem der Achttausender kamen die Freundinnen besonders nah: Annapurna I, dessen Umgebung sie auf langen Wanderungen erkundeten. „Es war gut, dass wir uns die Zeit genommen haben, um einen Eindruck vom Land zu bekommen und uns zu akklimatisieren“, sagt Charlotte Wiese.

 

Gastgeschenke aus Deutschland: Linda Kraume, Charlotte Wiese, Henrike Senker, Theresa Ochs, Verena Volbracht (v.l.n.r.) brachten Geld- und Sachspenden mit, unter anderem Kunststoffe für Füllungen, Bohrer und Einwegmaterialien.

Gastgeschenke aus Deutschland: Linda Kraume, Charlotte Wiese, Henrike Senker, Theresa Ochs, Verena Volbracht (v.l.n.r.) brachten Geld- und Sachspenden mit, unter anderem Kunststoffe für Füllungen, Bohrer und Einwegmaterialien.

 

Im Studium hatten die Fünf keine Zeit für ein Auslandspraktikum gehabt; das wollten sie nun nachholen. Wohin es gehen würde, war nicht entscheidend – Hauptsache gemeinsam. Über den Zahnmedizinischen Austauschdienst hatten sie sich in mehreren Ländern beworben und erhielten schließlich eine Einladung nach Dhulikhel, eine Kleinstadt bei Kathmandu.

Bezahlbare Medizin nach europäischem Vorbild

Am ihrem ersten Tag in der Dhulikhel Dental Clinic bestätigte sich, was die Deutschen gelesen und gehört hatten: Das medizinische Zentrum ist modern und gut ausgestattet. Es wurde 1996 von einem einheimischen Arzt gegründet: Dr. Ram Shrestha hatte in Österreich gearbeitet und wollte auch in seiner Heimat Medizin nach europäischen Standards anbieten – gegen bezahlbare Gebühren. Eine einfache Untersuchung in der Klinik kostet umgerechnet 25 US-Cents, die teuerste Operation 290 Dollar. „Für die ärmere Bevölkerung sind viele Leistungen trotzdem zu teuer“, weiß Verena Volbracht. Statt eine Zahn-OP machen zu lassen, greife man oft selbst zur Zange.

 

Wer sich in die Hände der Profis begibt, erhält in der Regel eine Therapie, wie die Absolventinnen sie aus Deutschland kennen. Sie fanden sich schnell zurecht. „In der konservativen Zahnheilkunde haben wir viele Patienten eigenständig behandelt“, erzählt Linda Kraume. „In der Chirurgie haben wir mehr zugesehen und den nepalesischen Zahnärzten assistiert.“ Manche Methoden überraschten die Famulantinnen doch. Einmal wurde ein entzündeter Kiefer mit einer Spritze von außen gespült, erinnert sich Verena Volbracht: „Der Patient war ein stark tätowierter Mann, sicher hart im Nehmen. Ihm liefen stille Tränen übers Gesicht.“

Drei Tage im mobilen Dienst

„Werft besser ein paar Aspirin vorher ein!“, rieten Kollegen den Famulantinnen vor ihrem Einsatz in den Bergen. Denn die kurvigen, holprigen Pisten, auf denen sie mit zwei Teammitgliedern unterwegs waren, sind immer gut für blaue Flecken. Nach vier Stunden erreichten die Ärzte einen der 20 Außenposten der Klinik, ein sogenanntes Outreach Center, wo nur ein kleines Team die Stellung hält. Dem Haus sah man an, dass es bei den schweren Beben 2015 (siehe Box) stark beschädigt worden war. Mit vereinten Kräften behandelten die Ärzte aus der Stadt an einem Tag rund 70 Patienten. „Größere Füllungen oder Wurzelkanalbehandlungen, für die man andere Instrumente braucht, konnten wir dort nicht machen“, so Linda Kraume. „Das war etwas frustrierend, weil einigen Patienten der Weg in die Zahnklinik sicher zu weit ist.“ Drei Tage lang blieben die Freundinnen in den Bergen und betrieben Minimal-Medizin.

Wieder in der Heimat, blicken sie zufrieden auf ihre Zeit in Nepal zurück. „Wir haben das Land ganz anders kennengelernt, als man das als Tourist kann“, findet Charlotte Wiese. „Aber ich würde diese Famulatur eher während des Studiums empfehlen, da man zu dem Zeitpunkt noch nicht alles Chirurgische und Praktische gesehen hat und diese Chance in Nepal nutzen kann. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man mit mehr Berufserfahrung dorthin geht und dann in den Outreach Centers stärker mit anpackt.“

 

Schleppender Aufbau

Zwei schwere Erdbeben erschütterten Nepal im Jahr 2015. Rund 9.000 Menschen kamen dabei ums Leben. Die tektonischen Verschiebungen waren so stark, dass die Hauptstadt Kathmandu seitdem einen Meter höher liegt. Die Katastrophe warf den Staat, den die UN als Entwicklungsland einstuft, noch weiter zurück. Mit internationaler Hilfe wurden inzwischen wichtige Wege und Gebäude wiederaufgebaut. Viele Betroffene fristen ihr Dasein aber noch immer in Notunterkünften. Wer kann, sucht sein Glück im Ausland, etwa als Hilfsarbeiter in den Golfstaaten. Das Geld, das Emigranten in die Heimat schicken, macht rund 30 Prozent der Wirtschaftskraft aus.

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