Der große Traum

  • Studium & Lernen
  • 14.12.2018

Wirklich glauben konnte er es erst nicht, als Anfang Oktober die Nachricht kam. Erstmal sagte er nur seiner Mutter in der Türkei Bescheid. Und Thusnelda Tivig, der Professorin, die ihn und die anderen jungen Syrer im Integrationsprojekt der Rostocker Uni in den letzten drei Jahren unterstützt hat. Drei Jahre, in denen Yamen Bitar mehr erlebt hat als die meisten anderen Menschen in seinem Alter: Ankunft in Rostock im Herbst 2015, die erste Nacht am Bahnhof geschlafen, dann über viele Wochen in einem Flüchtlingslager untergebracht. Deutsch gelernt, in eine eigene kleine Wohnung gezogen, ein Pflegepraktikum in der Uniklinik absolviert und dort als Pflegehelfer gearbeitet.

„Ich wollte unbedingt Medizin studieren, wie mein Onkel, der Neurochirurg“, sagt der 22jährige in inzwischen fast perfektem Deutsch. „Unglaublich, dass es jetzt tatsächlich geklappt hat – ich bin einfach nur glücklich“. Im Nachrückverfahren hat er einen Studienplatz für Humanmedizin bekommen, auch noch wie erhofft in seiner neuen Heimatstadt. Die ersten Tests, zum Beispiel in Medizinischer Terminologie, hat Yamen schon erfolgreich hinter sich gebracht.

Nur Vater und Oma blieben in Idlib

Dabei sah es lang nicht so aus, als hätte diese Geschichte ein Happy End. 16 Jahre war Yamen alt, als er 2012 Hals über Kopf mit Mutter, Schwester und kleinem Bruder in die Türkei flüchtete. Ein Jahr schon herrschte damals Krieg in Syrien, es gab bereits zehntausende Tote. Allein in der Türkei drängten sich etwa 100.000 entwurzelte Syrer, heute sollen es 3,5 Millionen sein. Vater und die kranke Großmutter blieben zuhause in Idlib, der Rest der Familie Bitar kam in Reyhanlı im Süden der Türkei unter. Yamen, mitten aus seinem Schülerleben gerissen, schaffte trotz Flüchtlingsdasein im fremden Land das Abitur - eines nach lybischem Curriculum, weil nur das in arabischer Sprache absolviert werden konnte.
 

Yamens weiter Weg nach Rostock: Erst von Idlib in die Südtürkei, später über die berüchtigte Balkanroute nach Deutschland.


Der Traum, Medizin studieren, beschäftigte den jungen Syrer schon damals. „Aber es war illusorisch, einen Studienplatz dafür in der Türkei zu bekommen – und 2015 nach Syrien zurückzugehen wäre glatter Selbstmord gewesen.“ Also beschloss er, noch einmal alle Zelte abzubrechen und auf eigene Faust, ohne seine Familie, eine weitere gefährliche Reise zu wagen. Diesmal nach Westeuropa, mit einem Schlepperboot.

Noch heute, wenn er in seiner Rostocker Wohnung erzählt, merkt man Yamen an, wie sehr ihn die 27 Tage seiner Odyssee von Reyhanlı nach Deutschland mitgenommen haben. Er hat genau im Kopf, wie viel Tage er wo war. Wann er tagelang durch Serbien zu Fuß an Bahngleisen entlang gelaufen ist. Wo seine Leidensgenossen und er im Regen schlafen mussten und wer ihm an der ungarisch-österreichischen Grenze geholfen hat. Erst sperrten ihn türkische Polizisten in ein Sammellager, als sie ihn und zwei Freunde in der Nähe von Izmir aufgabelten. Später, nachdem Yamen die risikoreiche Überfahrt im Gummiboot nach Griechenland beim zweiten Versuch längst gelungen war, sollte er erneut interniert werden.

Schlafen im strömenden Regen

„Das war in Ungarn, nie wieder will ich in dieses Land“, sagt er mit vor Wut zitternder Stimme. „Sie haben Leute geschlagen, als es nachts zu regnen anfing, mussten Frauen, Kinder und alte Männer draußen im strömenden Regen liegen, bis sechs Uhr morgens.“ Was ihm wohl immer im Gedächtnis bleiben wird: „Als einzige Lebensmittel gab es Brötchen mit Salami aus Schweinefleisch – aber sie wussten, dass Muslime das gar nicht essen dürfen.“

7. September 2015 – das ist das Datum, an dem er endlich in Deutschland ankam. Wie er aufgenommen wurde? Yamen will nicht klagen. „Viele Leute sind neugierig und offen, aber nicht alle“, sagt er. Am Traum vom Medizinstudium hielt er jedenfalls unbeirrt fest. Unterstützt von Thusnelda Tivig und bald auch mit finanzieller Unterstützung der apoBank-Stiftung. „Unsere syrischen Stipendiaten arbeiten extrem hart dafür, hier Erfolg zu haben. Das sind alles Menschen, die eine große Bereicherung für Deutschland darstellen,“ sagt Tivig. Sobald Yamens Deutsch es zuließ, galt es die nächste Hürde zu überwinden: Sein lybisches Abitur wurde in Deutschland nicht anerkannt. Also noch ein Umzug - nach Leipzig, finanziert aus Spendenmitteln. Dort absolvierte Yamen in drei Semestern ein speziell auf medizinische Studiengänge ausgerichtetes Studienkolleg.
 

Er, der bei der Ankunft in Deutschland kein einziges Wort Deutsch sprach, bewältigte das Pensum dort mit Bravour. Sein Abi-Schnitt am Ende: 1,5. Außerdem schaffte er ein exzellentes TestAS-Ergebnis und mit dem DSH 3 das bestmögliche Sprachzeugnis. Trotzdem, noch im Sommer 2018 stand in den Sternen, ob es mit einem Studienplatz klappt – was Yamen bisweilen in Resignation verfallen ließ. „Für uns Ausländer sind die Chancen auf einen Platz einfach nochmal deutlich geringer als für Deutsche.“   
 

Medizin studieren als Nicht-EU-Ausländer

Reinkommen ist alles andere als einfach: Nur fünf bis maximal zehn Prozent der ohnehin heiß begehrten Studienplätze in Human- oder Zahnmedizin reservieren die deutschen Universitäten für Ausländer. Viele Unis unterscheiden dabei auch nach Herkunftsländern und vergeben zum Beispiel maximal die Hälfte dieser Plätze an Bewerber, die nicht aus einem EU-Land kommen. Andere lassen pro fremdem Herkunftsland nur einen einzigen Bewerber zu - ein Nachteil für Menschen etwa aus Syrien, die wegen des Kriegs in ihrer Heimat besonders zahlreich ins Ausland gehen.

Die wichtigsten Bedingungen für die Zulassung: Eine exzellente Abiturnote und sehr gute Deutschkenntnisse, nachgewiesen zum Beispiel über TestDaF- oder DSH-Zertifikate. Manche Fakultäten fordern zusätzlich ein gutes TestAS-Ergebnis in deutscher Sprache. Das Akademische Integrationsprojekt der Uni Rostock hat eigens einen Leitfaden entwickelt, um vor allem Flüchtlingen die Orientierung im komplizierten Bewerbungsprozedere zu erleichtern.
 

Im Nachrückverfahren hat Yamen einen Studienplatz in Rostock bekommen.
 

Jetzt, im Wintersemester 2018, hat er es geschafft. Zwölf junge Syrer haben zeitgleich mit ihm das Medizinstudium in Rostock begonnen, dazu noch einige wenige Bewerber aus den USA, dem Iran, Albanien und afrikanischen Ländern. Unter den 215 Erstsemestern sind sie klar in der Minderheit. „Die Dozenten achten sehr darauf, dass es keine Trennung oder Ausgrenzung gibt und wir alle gemeinsam mit den Deutschen lernen“, erzählt Yamen. In einer Vorlesung, das hat ihn besonders gefreut, hat der Dozent Karten mit den Geburtsorte der neu zugewanderten Studenten gezeigt. Und die Deutschen aufgefordert, ihnen zu helfen.

Geht er eines Tages zurück nach Syrien?

Morgens Vorlesungen, nachmittags Praktika etwa in Biologie oder Chemie, abends noch Lernen in seiner Wohnung: So sieht Yamens Leben jetzt aus, für die ersten großen Klausuren im kommenden Februar will er gut gerüstet sein. Er bekommt Bafög und weiterhin Unterstützung der apoBank-Stiftung. Sein Aufenthalt bis nächstes Jahr ist gesichert, dann kann er bei gutem Studienerfolg verlängern und vielleicht eines Tages eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekommen. Ob er zurückgeht nach Syrien, ob auch seine Familie eines Tages nach Deutschland kommen kann? Yamen weiß es nicht. Aber er weiß, dass er Neurochirurg werden will. Unbedingt. So viel Entbehrungen und Lernaufwand es auch kostet.
 

apoBank-Stiftung unterstützt Flüchtlinge

Viele junge Syrer, die wegen des Kriegs in ihrem Heimatland nach Europa geflohen sind, bringen eine gute Vorbildung mit. Statt sich mit Hilfstätigkeiten über Wasser zu halten, möchten sie ein Studium aufnehmenInsbesondere Pharmazie und Medizin stehen bei ihnen hoch im Kurs. Um begabte Neuankömmlinge insbesondere mit solchen Berufswünschen zu unterstützen, fördert die apoBank-Stiftung das Akademische Integrationsprojekt der Universtät Rostock.

Seit 2015 begleitet das Projektteam um die Volkswirtschafts-Professorin Thusnelda Tivig neu zugewanderte junge Syrer auf ihrem Weg in Ausbildung und Beruf. Tivig und ihre Mitstreiter kümmern sich unter anderem um Deutschkurse und finanzielle Förderung für sie. Außerdem berät das Projekt-Team zur Wahl von Studienfach und -Ort und zu den oft komplizierten Bewerbungsverfahren um Studienplätze oder Stipendien. 47 Kandidaten werden derzeit unterstützt. Mehr als zwei Dritteln von ihnen ist mithilfe des Projekts bereits der Start an einer deutschen Uni geglückt.  
 

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