Der Patientenflüsterer

Konstantin Schmidtke ist seit 2018 ehrenamtlich bei "Was hab' ich?" dabei und übersetzt regelmäßig ärztliche Befunde.
  • Studium & Lernen
  • 28.08.2018

Vielen Patienten fällt es schwer, ärztliche Befunde zu verstehen. „Was hab‘ ich?“, ein Dresdner Sozialunternehmen, hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, medizinische Befunde kostenlos zu übersetzen. Konstantin Schmidtke, 23, ist einer der ehrenamtlichen "Patientenflüsterer" des Teams. Er studiert im 8. Semester Humanmedizin in Regensburg und macht seit 2018 ehrenamtlich mit bei „Was hab‘ ich?"

Konstantin, wie und warum bist Du zum Team von „Was hab‘ ich?“ gestoßen?

Mir hat ein Kommilitone davon erzählt, also habe ich mich direkt am Tag, als ich die Immatrikulationsbescheinigung für das 8. Semester bekommen habe, angemeldet. Mir macht das Übersetzen der Befunde unglaublich viel Spaß. Die Community ist wahnsinnig cool, man lernt viele neue Leute kennen und jeder hilft jedem, wo er kann. Außerdem geben einem die meist positiven Feedbacks der Nutzer viel Aufwind.

Was für Befunde genau übersetzt du, hast du ein Spezialgebiet?

Ich übersetze fast ausschließlich kardiologische oder internistische Befunde. Das ist einfach mein Steckenpferd. Es gibt einen Befund-Pool mit meist 15 bis 40 Befunden, zu dem täglich neue dazu kommen. Jeder kann sich alle Befunde durchlesen und die für einen selbst interessanten dann übersetzen. An radiologische Befunde zum Beispiel traue ich mich noch nicht so ganz heran, weil sie sich stark von den „Standard-Arztbriefen“ unterscheiden. Radiologen nutzen spezielle Fachbegriffe, die dem normalen Medizin-Studenten einfach weniger geläufig sind.
 

Konstantin kann frei entscheiden, wie viel Zeit er pro Woche für "Was hab´ich?" investiert.
 

Wie lange dauert eine Übersetzung? Hast du bei Unklarheiten fachliche Unterstützung?

Je länger der Arztbrief, desto länger dauert natürlich die Übersetzung. Am Anfang braucht man bestimmt drei bis vier Stunden, auch für kurze Befunde. Mit der Zeit hat man aber den Dreh raus und nutzt oft ähnliche Formulierungen. Im „Ressourcen-Bereich“ der Website sind für viele Fachbegriffe gute, von Ärzten überprüfte Erklärungen zu finden, die einfach in die Übersetzung übernommen werden können. So spart man sich die Zeit, Übersetzungen für abstrakte Begriffe wie „Ejektionsfraktion“ oder „präterminale T-Negativierung“ zu entwickeln. Mittlerweile brauche ich für kurze Befunde meist eine Stunde, für sehr lange etwa drei Stunden.

Wie wird bei „Was hab ich?“ sichergestellt, dass deine Übersetzung  in „normale“ Sprache  korrekt ist?

Zuerst einmal durchläuft man die Phase der Supervision. Die ersten 5 oder 6 Übersetzungen, die man fertigstellt, werden von jemandem aus dem  „Was hab‘ ich?“-Team korrigiert und dann gemeinsam am Telefon besprochen. Man lernt die korrekte Art, Befunde verständlich zu übersetzen und erfährt auch einiges dazu, wie Sprache wirkt. Ein Satz sollte zum Beispiel nie länger als15 Wörter sein und nicht mehr als ein Komma beinhalten. Das ist anfangs schon gewöhnungsbedürftig. Nach der 5. oder 6. Übersetzung kann man dann eigenständig Befunde annehmen und fertigstellen. Man kann aber auch jederzeit zurück in die Supervision, wenn der Befund beispielsweise zu schwierig war oder man eine neue Fachrichtung ausprobiert hat.
 

Das "Was hab ich´?"-Team in Dresden: Ärztin Ariane Schick-Wetzel, Kommunikationswissenschaftlerin Beatrice Brülke, Ärztin Franziska Mettke (von links, hinten); Ärztin Anne Klinkenberg, Geschäftsführer Ansgar Jonietz (vorne).

 

Sehen die Übersetzungen, je nach Bildungs- oder Berufsstand der Patienten anders aus?

Idealerweise nicht. Wir kennen die Nutzer ja nicht. Wir wissen nicht, wie viel Hintergrundwissen sie haben oder welcher Bildungsschicht sie angehören. Deshalb wird immer auf dem gleichen Niveau übersetzt – ganz, ganz einfach, sodass es wirklich jeder verstehen sollte. Ich schreibe meistens dazu, dass ich den Befund absichtlich sehr einfach erläutere. Es hat sich bei mir bis jetzt auch noch niemand auf den Schlips getreten gefühlt, weil die Übersetzung zu einfach geschrieben war.

Das Medizinstudium ist ja sehr zeitaufwendig, wie viel Zeit nimmst du dir für das ehrenamtliche Übersetzen von Befunden?

Soviel ich Lust habe! Das ist das Gute an dem Projekt, jeder macht so viel, wie er schafft. Hat man mal viel Stress, übersetzt man eben keine Befunde. Hat man gerade mehr Zeit, kann man auch jeden Tag einen Befund übersetzen. Aktuell schaffe ich etwa ein bis zwei Befunde in der Woche – das ist schon relativ viel.

Bekommst du Feedback von den Patienten? Wenn ja, was kommt da?

Die Nutzer geben über die Webseite zu fast jeder Übersetzung Feedback, meist sehr positiv. Gelegentlich ist mal jemand dabei, der falsche Erwartungen an die Website gestellt hat. Manche Leute erhoffen sich eine Zweit-Meinung. Das können und dürfen wir ihnen aber nicht bieten. Trotzdem sind die Nutzer dann meist vollkommen zufrieden mit der Übersetzung.

Welche Rolle spielt das Thema bei dir im Studium? Wie sollte die Uni deiner Ansicht nach angehende Ärzte auf die Kommunikation mit Patienten vorbereiten?

In meinen Augen ist das Thema im Studium nicht präsent. Wir werden darauf trainiert, fachlich gut zu sein und uns interdisziplinär zu verstehen. Natürlich gibt es gelegentlich Kommunikations-Seminare, aber im hektischen Klinikalltag lässt sich das dort Gelernte nur schwer anwenden. Jeder Medizinstudent merkt auch im Bedside-Teaching, dass die Patienten wenig Wissen über ihre Erkrankung haben. Statt aber an diesem Punkt anzusetzen, wird das meist nur belächelt. Das ist in meinen Augen keine gute Arzt-Patienten-Kommunikation. Hier sollte mehr Training betrieben werden.

Warum ist das eigentlich so wichtig, deiner Meinung nach?

Weil eine klare Erläuterung der Erkrankung Patienten dabei helfen kann, ein besseres  Bewusstsein für ihre Krankheit zu entwickeln. Im Gespräch allein ist das nur schwer möglich – Patienten können selbst bei einer guten Erklärung nur einen Bruchteil des Gesagten behalten. Deshalb stellen wir ihnen mit einer Übersetzung auf „Was-hab‘-ich“ ein PDF zur Verfügung, das sie sich beliebig oft durchlesen können. Das schafft eine gute Grundlage für den nächsten Arztbesuch.

Wie profitierst Du selbst von dem Engagement für „Was hab' ich“?

Ich will später selbst in die Kardiologie, deshalb sehe ich schon einen großen Wissens-Zuwachs durch die Übersetzung der oftmals komplizierten kardiologischen Befunde. So tiefes Fachwissen kann man sich in den zwei oder drei Wochen Blockpraktikum während des Studiums nicht aneignen. Nachdem man die „Ausbildung“ zum Übersetzer abgeschlossen hat, erhält man ein Zertifikat für die erfolgreiche Teilnahme. Außerdem erhält man kostenlosen Zugang zu den Fachartikeln, die der Springer-Verlag und der Pschyrembel für „Was hab ich?“ bereitstellen. Gelegentlich bekommen wir von den Nutzern auch Spenden, die diese freiwillig an die Übersetzer vergeben können. Vor allem lernt man, wie Arztbriefe aufgebaut sind und wird sich dadurch leichter tun, wenn man diese später selbst schreiben muss.
 

Mitmachen bei "Was hab´ ich!"

„Was hab’ ich?“ wurde im Januar 2011 gegründet. Auf der zugehörigen Onlineplattform wurden durch das ehrenamtlich tätige Team aus Medizinstudenten und Ärzten bis heute über 36.623 medizinische Befunde in eine für Patienten leicht verständliche Sprache übersetzt. Rund 89 % der „Was hab’ ich?“-Nutzer geben dem Übersetzer anschließend ein Feedback, das fast durchweg positiv ausfällt. Als Medizinstudent kannst du dich als aktiver Befund-Übersetzer zeitlich ganz nach Wunsch einbringen und wirst dabei von einem Supervisor technisch und fachlich betreut.

Du willst mitmachen? Voraussetzungen dafür sind:

Du studierst Humanmedizin mindestens im 8. Fachsemester
Du arbeitest gerne im Team
Du hast Durchhaltevermögen und die Motivation, auch knifflige Befunde zu entschlüsseln
 

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