Mit Kind an die Uni

Frau lernt mit Baby
  • Studium & Lernen
  • 13.07.2018

Nein, es war kein Unfall. Sybille Veit, Medizinstudentin an der Ludwig-Maximilian-Universität München, war im achten Semester, als ihr erster Sohn zur Welt kam. Das war vor drei Jahren. Die 32jährige hat sich ganz bewusst dafür entschieden, während des Studiums eine Familie zu gründen. Inzwischen erwartet sie ihr zweites Baby.

Warum hast du dich für eine Schwangerschaft während deines Studiums entschieden?

Ich hatte eine sechsjährige Wartezeit zu überbrücken, bevor ich mein Medizinstudium aufgenommen habe. Zu dem Zeitpunkt war ich schon 24 Jahre alt. Da ich gerne noch vor der anstrengenden Assistenzarztzeit Mutter werden wollte, war das Studium der ideale Zeitpunkt. Mein Freund und ich haben uns damals vorab umfassend informiert. Wir haben auch mit vielen studierenden Eltern gesprochen, die uns alle dazu geraten haben, genau jetzt ein Baby zu bekommen.

Ist der Plan aufgegangen?

Im Großen und Ganzen schon. Vorher hatten wir zwar geplant, dass ich mein Kind wie andere Studierende einfach mit in die Vorlesung nehme. Aber daraus wurde leider nichts. Unser Sohn war in den ersten sechs Monaten ein echtes Schreikind. Er hat sehr viel geweint und es war anfangs sehr schwierig für mich, ihn bei jemand anderem zu lassen. Deshalb mussten wir komplett umdisponieren. Wir haben ihn schließlich in einer städtischen Kita untergebracht, damit war das Betreuungsproblem gelöst. Auch finanziell kommen wir ganz gut über die Runden, zumal ich ein Deutschlandstipendium bekomme.

Wie reagieren die Lehrkräfte auf studierende Mütter und Väter?

Es ist immer noch eher ungewöhnlich, dass Studierende ihre Kinder mit in die Vorlesungen nehmen. Vor jeder Veranstaltung muss man den Dozenten fragen, ob es in Ordnung ist, wenn das Kind dabei ist. Viele schauen dann erst einmal konsterniert, aber in der Regel nehmen sie es alle positiv auf.
 

Neu: Mutterschutz auch für Studentinnen

Seit dem 1. Januar 2018 haben schwangere Studentinnen wie Arbeitnehmerinnen ein Anrecht auf Mutterschutz. Sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt gilt damit ein besonderer Schutz. In diesem Zeitraum sind die Studentinnen automatisch zum Beispiel von Pflichtveranstaltungen und Prüfungen befreit und müssen sich nicht mehr krankschreiben lassen. Jede schwangere Studentin kann selbst darüber entscheiden, ob sie das Mutterschutzrecht in Anspruch nehmen oder darauf verzichten möchte.
Weitere Infos dazu findest du im neuen Leitfaden für Mutterschutz des Bundesfamilienministeriums.
 

Was passiert, wenn dein Kind krank ist und du eine wichtige Prüfung oder Vorlesung hast?

Wenn ich auf die Schnelle keine Betreuung organisieren kann, gibt es für studierende Eltern an der Ludwig-Maximilian-Universität München die Möglichkeit, auf einen kostenlosen Notfallbetreuungsservice zurückzugreifen. Überhaupt unterstützt die Hochschule sehr: Es gibt zahlreiche Beratungsstellen, an die sich Studierende mit Kindern wenden können. Das Studentenwerk, aber auch die Fachschaft Medizin bieten Hilfe an. Ich war dort selbst längere Zeit Fachschaftssprecherin für Studierende mit Kind.

Wie sieht ein ganz normaler Tag für dich aus?

Ich bin mittlerweile im Praktischen Jahr und arbeite nach einem festen Zeitplan in der Klinik. Wenn ich es nicht selbst schaffe, meinen Sohn morgens um acht Uhr in die Kita zu bringen, dann übernimmt das mein Freund. Im Moment holt er ihn auch mittags wieder ab. Wenn ich am Nachmittag von der Arbeit nach Hause komme, verbringe ich den restlichen Tag mit ihm, bis wir ihn gegen 20 Uhr ins Bett bringen. Danach beginnt meine Lernzeit. Je nachdem, wie fit ich bin, sitze ich dann ungefähr von 21 Uhr bis ein oder zwei Uhr morgens am Schreibtisch.

Das klingt sehr stressig...

ja, aber man lernt so auch einiges. Was studierende Eltern auszeichnet ist, dass man fokussierter an eine Sache herangeht und in der Lage ist, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich flexibler und stressresistenter auf viele Situationen reagiere, seitdem mein Sohn auf der Welt ist. Im Gegensatz zu meinen Kommilitonen, die keine Kinder haben, habe ich nicht die Zeit, alles Mögliche nachzulesen und zu vertiefen. Ich habe nur ein bestimmtes Zeitfenster, in dem ich lernen kann. Alles, was darüber hinausgeht, funktioniert eben nicht. Dadurch bin ich aber auch viel konzentrierter.

 

Zahlen & Fakten

  • 6 Prozent der Studierenden in Deutschland haben mindestens ein Kind
  • 59 Prozent der Eltern sind verheiratet, 31 Prozent leben in einer festen Partnerschaft, 10 Prozent sind alleinerziehend
  • 74 Prozent der Studierenden mit Kind haben eine(n) erwerbstätigen (Ehe)Partner
  • 55 Studentenwerke betreiben bundesweit 220 Kitas mit fast 9.000 Plätzen
  • 52 Studentenwerke bieten Familienwohnungen in Wohnheimen an
  • In 39 Mensen essen Kinder kostenlos mit
  • 24 Studentenwerke ermöglichen eine flexible Kurzzeitbetreuung von Kindern außerhalb der Regelbetreuungszeit

Quellen: 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks , Studentenwerke im Zahlenspiegel 2016/2017

Was ist die größte Herausforderung für dich?

Ich bin Vollblut-Medizinerin. Das ist genau das, was ich schon immer beruflich machen wollte. Andererseits bin ich auch Vollblut-Mama und möchte so viel Zeit wie möglich mit meinem Kind verbringen. Ich habe ständig das Gefühl, dass man weder für die eine, noch für die andere Seite genügend Zeit hat. Beides gleichzeitig perfekt zu erfüllen, stellt für mich die größte Herausforderung dar. Aber selbst wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte: Ich würde alles genauso wieder machen! Vielleicht würde ich sogar noch früher mit der Familienplanung beginnen.

Und wie soll es weitergehen für dich nach dem praktischen Jahr?

Ich möchte Kinderärztin werden. Als Mutter kann ich mich gut in die Sichtweise der Eltern hineinversetzen und besser verstehen, warum manche Mütter und Väter manchmal nicht so einfach sind, wenn es um die Behandlung ihrer Kinder geht.
 

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