Das Dorf ruft

  • Beruf & Karriere
  • 28.06.2018

In einer öffentlichen Apotheke arbeiten? Nie im Leben, dachte Britta Schleßelmann noch vor zwei Jahren. Sie war glücklich mit ihrer Stelle in einer städtischen Krankenhausapotheke. Doch dann kam ein Nachfolge-Angebot, das sie nicht ablehnen konnte.

Zwischen Bremen und Hamburg, umgeben von Feldern, Weiden und einem Torfgebiet namens Huvenhoopsmoor, liegt die Gemeinde Selsingen. Hier leben rund 3.600 Menschen, darunter viele junge Leute. In der Gegend gibt es alles, was man zum Leben braucht: Arbeit vor Ort und in den umliegenden Städten, eine Grund-, Haupt- und Realschule, Kindergärten und eine Handvoll Geschäfte. Wer krank ist, findet Hilfe um die Ecke: Zwei Hausarztpraxen und zwei Apotheken bieten ihre Dienste an. Die älteste Offizin im Dorf wird von einer jungen Apothekerin geleitet. Seit Januar 2017 führt Britta Schleßelmann die „Alte Apotheke Selsingen“, deren Tradition bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht.

Die neue Inhaberin hat dafür gesorgt, dass man dem Geschäft die Jahre nicht ansieht. Bevor sie die Apotheke übernahm, ließ sie die Räume gründlich modernisieren – mal eben zwischen Weihnachten und Neujahr. Andere hätten zu dieser Zeit wohl keine Handwerker gefunden. Nicht so Britta Schleßelmann, denn: „Ich kenne die Leute und sie kennen mich.“ Diesen Satz hört man öfter von der 36-Jährigen, die in Selsingen aufgewachsen ist. Sie kann auf Beziehungen bauen, die zum Teil schon in Kindertagen begannen. Ihrer Heimat fühlte sie sich immer verbunden. Nach dem Pharmaziestudium in Braunschweig zog es sie schnell hierher zurück, zur Familie, ihren Freunden und ihrem Sportverein.

Mehrere Jahre pendelte Britta Schleßelmann zu ihrer Arbeit in einer Krankenhausapotheke in Stade. Es gefiel ihr dort. Arzneimittel-Anamnese, Organisation, Qualitätssicherung – all diese Aufgaben lagen ihr, wie sie sagt: „Ich konnte mich mit Themen befassen, für die in öffentlichen Apotheken meistens die Zeit fehlt. Zum Beispiel damit, wie ein gutes Qualitätsmanagement mit Arbeits- und Verfahrensanweisungen, Formblättern und Checklisten funktioniert.“ Nie dachte sie an einen Wechsel. Bis zu jenem Freitag vor Pfingsten im Jahr 2016, als Karl-Frank Pethzoll anrief – der Apotheker aus Selsingen, bei dem sie schon als Kind Medikamente für ihre Oma geholt hatte.

Ein Anruf, der alles verändert

„Herr Pethzoll ist für mich ein großes Vorbild“, so die Pharmazeutin. „Er weiß unglaublich viel über Arzneien und kennt die Krankengeschichten seiner Kunden auswendig. Im Ort genießt er hohes Ansehen. Ich wollte immer sein wie er.“ Jetzt fragte dieser Mann ausgerechnet sie, ob sie seine Nachfolge antreten wollte. Gerade jetzt, wo sie eine Familie gegründet hatte. Zwei unruhige Tage und Nächte lang grübelte die junge Apothekerin, vor allem darüber, wie sie Beruf und Mutterrolle vereinbaren sollte. Am Sonntag sagte sie zu.
 

Schleßelmann mit Team

Das Team der „Alten Apotheke Selsingen“: Britta Schleßelmann (3.v.r.) arbeitet Seite an Seite mit ihrem Vorgänger und Vorbild Karl-Frank Pethzoll.


Heute stehen der ehemalige Inhaber und seine Nachfolgerin gemeinsam hinter dem HV-Tisch. Pethzoll ist zwar in Rente, jedoch weiterhin drei Tage die Woche in der Offizin tätig. Das haben beide so vereinbart. Sonst wäre Britta Schleßelmann die einzige Pharmazeutin im Team – mit zwei Kindern kaum machbar. Die Neue in der „Alten Apotheke“ macht manches anders als ihr Vorgänger. Sie will mehr junge Kunden gewinnen. Beispielsweise können Mütter jetzt elektrische Milchpumpen ausleihen. Man kann Arzneien per Whatsapp bestellen. Auch Fußpflege und Kosmetik gehören seit ein paar Monaten zum Angebot.

Mittagspause mit den Kindern

Mit ihrem neuen Leben hat sich die Landapothekerin mehr als angefreundet. Sie schätzt es, dass sie mittags zuschließen kann, um ihre Kinder aus der Kita abzuholen und mit ihnen zu essen. Nachmittags übernehmen Verwandte die Betreuung. Auch wirtschaftlich laufe es ordentlich, so die Gründerin: „Wenn man vernünftig plant, geht es einem auf dem Land gut. Das heißt vernünftig verhandeln, vernünftig einkaufen, an den richtigen Stellen sparen und vor allem durch guten Service die Leute in die Apotheke holen.“
 

„Ich habe eine gute Beratung bekommen, so dass ich mir sicher bin, alles ohne Probleme zurückzuzahlen.“
Britta Schleßelmann


Für den Kauf der Offizin, das Warenlager und den Umbau hat sie ein Darlehen aufgenommen, das sie innerhalb von zehn Jahren abbezahlt. Ein zusätzlicher Betriebsmittelkredit macht es möglich, dass sie Waren gegen Preisnachlass sofort bezahlen kann, was sich übers Jahr rechnet. „Grundsätzlich bin ich eher so, dass ich mir nur etwas kaufe, wenn ich das Geld dafür tatsächlich habe“, fügt sie hinzu. „Ich habe aber eine gute Beratung bekommen, so dass ich mir sicher bin, alles ohne Probleme zurückzuzahlen.“

Ihre größte Sorge betrifft das Personal. In ein paar Jahren will ihr Vorgänger sich zurückziehen. Apotheker in der Region zu finden, sagt Schleßelmann, ist schwer. Schleßelmann will sich als Arbeitgeberin einen guten Ruf erwerben, etwa indem sie sich in der PTA-Ausbildung engagiert. Und vielleicht hilft auch bei der Apothekersuche ihr bewährtes Netzwerk: Leute, die sie kennt und die sie kennen.

 

Mittelstädte hoch im Kurs

Welche Standorte sind beliebt bei Apothekern, die neu gründen oder eine Offizin übernehmen? Die aktuellen Zahlen der apoBank zeigen den Trend: 2017 waren vor allem mittelstädtische Gemeinden mit 20.000 bis unter 100.000 Einwohnern für Apotheker attraktiv. Im Verhältnis zur dort lebenden Bevölkerung (29 Prozent) wurden hier 2017 mit 37 Prozent überdurchschnittlich viele Apotheken übernommen beziehungsweise neu gegründet. Der Bevölkerungsverteilung entsprechend erfolgte knapp jede zehnte Apothekengründung auf dem Land und etwa jede dritte in den Großstädten. Auf dem Land sind auch die Kaufpreise vergleichsweise niedrig: 2017 zahlten Apotheker, die hier eine Offizin übernahmen, durchschnittlich 212.000 Euro.

 

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